Rathauspark




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Der Kur- bzw. Rathauspark geht auf Initiative des Seifenfabrikanten Ludwig Küntzelmann und des 1876 gegründeten Verschönerungsvereins Weißer Hirsch und Oberloschwitz zurück, der für den aufstrebenden Kurort Weißer Hirsch einen 22 Hektar großen Teil des Heidegebietes für Erholungszwecke reservieren und parkartig gestalten ließ. Mit finanzieller Unterstützung der Vereinsmitglieder und vieler ortsansässiger Kaufleute und Künstler wurden zwischen Stechgrund und Kurparkstraße ab 1877 Bäume gepflanzt, Wege angelegt und Bänke aufgestellt. 1882 erließ der Ort eine Parkordnung, die von einem fest angestellten Parkwächter durchgesetzt wurde.

Zu den Brunnenanlagen des Parks gehören die 1884 in Stein gefaßte und nach einem Opernsänger benannte Degelequelle und die benachbarte Schwesternquelle. Letztere soll der Überlieferung nach gegen Sommersprossen helfen und wurde früher auch zur Gewinnung von “Osterwasser” genutzt. Ein Granitfindling am Eingang zum Park erinnert an die Gründung des Kurbades. Gegenüber wurde 1883 ein Denkmal für den Fabrikanten Ludwig Küntzelmann aufgestellt, der maßgeblich zur Entwicklung des Ortes beitrug.

 

Fotos: Ruheplatz mit Obelisk im Rathauspark (historische Postkarte von 1899)
und das Café des Tennisplatzes kurz vor dem Zweiten Weltkrieg (rechts)

Um die Jahrhundertwende wurde der Kurpark, offiziell auch als König-Friedrich-August-Park bezeichnet, erweitert und erhielt eine Reihe von Sport- und Erholungseinrichtungen. So entstand 1904 eine Wandelhalle mit Café, vor der sich der Konzertplatz für die Kurkonzerte befand. 1904 wurde ein Luftbad mit Duschen und Turngeräten angelegt. 1907 richtete man eine Lesehalle ein, die sich ab 1912 im “chinesischen Pavillon” befand. Als neue Sportanlagen wurden 1908 Tennisplätze gebaut, die im Winter in Eisbahnen verwandelt werden konnten. Ein Jahr später entstanden zwei Turmgerüste als Ablaufberg für die Rodelbahnen. Der Kurpark war zu dieser Zeit Schauplatz für verschiedenartige Veranstaltungen, die der Unterhaltung der Kurgäste dienten. Für diesen Zweck war am 1. Mai 1926 ein neuer Musikpavillon am Konzertplatz eingeweiht worden.

Nachdem die im gleichen Jahr gegründete “Kur- und Moorbad AG” auf dem Weißen Hirsch Probebohrungen nach mineralhaltigem Wasser vornahm, erfolgten auch im Kurpark Untersuchungen, allerdings ohne Erfolg. Als Resultat entstand im Jahr 1928 lediglich ein Quellhäuschen für die Paradiesquelle. Entgegen den labortechnischen Untersuchungen wurde das Wasser zunächst als Heilwasser für Trinkkuren verkauft. Erst nach Beschwerden von Kurgästen und einer Konkurrenzfirma in Norddeutschland änderte man die Bezeichnung in “Weißer-Hirsch-Quelle” und nutzte das Wasser zur Herstellung von Tafelwasser und Limonade. Dafür wurde die Brunnenanlage am 25. August 1933 an die “Briesnitzer Stahlquelle” verpachtet, welche das Wasser an Dresdner Hotels und Gaststätten lieferte. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges stellte man die Flaschenabfüllung ein und legte die Brunnenanlage still. Das Quellhäuschen wurde in der Nachkriegszeit zur Brennholzgewinnung abgetragen. Auch die beiden 1929 entstandenen Abfüll- und Lagergebäude verschwanden wenige Jahre später. Die Brunnenanlage selbst wurde 1951 aus Sicherheitsgründen verschlossen. 1972 ließ der städtische Veranstaltungsbetrieb die Paradiesquelle sanieren und als Trinkbrunnen wieder in Betrieb nehmen. Weitere Erneuerungs- und Reparaturarbeiten erfolgten 1982 und 1991. Noch heute findet sich das schlichte Brunnenbecken in der Nähe des Musikpavillons.

Auch nach Ende des Kurbetriebs blieb der Park als Erholungsfläche erhalten. Mitte der 1950er Jahre erfolgte im Rahmen des “Nationalen Aufbauwerkes” eine Neugestaltung des Geländes. U.a. wurde ein Wirtschaftsgebäude errichtet und die Konzertmuschel für Freilicht-Kinoveranstaltungen nutzbar gemacht (Foto). Leider verfiel diese Anlage nach 1989, blieb jahrelang ungenutzt und konnte erst in jüngster Vergangenheit wieder erneuert werden. Heute wird der Kurpark oft als Rathauspark bezeichnet, da sich am Eingang (Bautzner Landstraße 17) das frühere Rathaus der Gemeinde befindet (bis 2008 Sparkasse). 2003 entstand auf Initiative des Verschönerungsvereins Weißer Hirsch e.V. nach historischem Vorbild eine neue Pergola am Parkeingang.

Lesehalle: Die ehemalige Trink- und Lesehalle des Kurbades wurde von chinesischen Handwerkern ursprünglich als Staatspavillon Chinas für die I. Internationale Hygieneausstellung 1911 geschaffen. Nach Ende der Schau erwarb die Gemeinde Weißer Hirsch den im Stil einer chinesischen Villa gestalteten Pavillon und ließ ihn in den Kurpark umsetzen. Ab 1. August 1912, dem Tag der offiziellen Einweihung, nutzte man das Gebäude als Trinkhalle und Café. Außerdem zog die Lesehalle ein, eine speziell für die Kurgäste eingerichtete Bibliothek, in der man neben in- und ausländischen Zeitungen und Zeitschriften auch Brettspiele ausleihen konnte (Foto). Im Erdgeschoss befand sich eine Niederlassung von Pfunds Molkerei mit Milchausschank.

Während des Ersten Weltkrieges musste auch die Lesehalle zeitweise geschlossen werden und kehrte nach provisorischer Unterbringungen in den Räumen der Konditorei Wachendorf und im Kurbad Weißer Hirsch erst 1919 in den chinesischen Pavillon zurück. Während der Nazizeit war jüdischen Kurgästen das Betreten der Lesehalle verboten. Auch das Angebot an ausländischen Zeitungen wurde drastisch eingeschränkt. 1943 schloss die Einrichtung schließlich ihre Pforten und stand bis 1950 leer. Danach diente der Pavillon als Lesecafé “Zeit im Bild” bzw. HO-Gaststätte “Waldcafé”, zuletzt seit 1992 als chinesisches Restaurant “Jasmin”. In der Nacht vom 27. zum 28. August 1997 brannte der Pavillon unter ungeklärten Umständen teilweise aus und stand fortan leer (Foto). 2005 bildete sich ein Förderverein, der sich für eine Rekonstruktion und künftige Nutzung als deutsch-chinesische Begegnungsstätte einsetzt und 2007 mit der Umsetzung des Vorhabens begann.

Hygieia-Brunnen: Der Brunnen wurde vom Bildhauer Gustav Reißmann geschaffen und 1935 eingeweiht. Die Figur stellt Hygieia, die griechische Göttin der Gesundheit, dar. Aufgrund von Kriegsschäden entfernte man diese Plastik jedoch um 1950; sie gilt seitdem als verschollen.  1956 wurde an ihrer Stelle ein kleiner Bär aufgestellt, der jedoch bereits wenige Jahre später wieder verschwand. 1996 konnte die gesamte Brunnenanlage restauriert und drei Jahre später mit einer Kopie der ursprünglichen Hygieia-Figur vervollständigt werden. Schöpfer dieser Plastik war der Bildhauer Friedemann Klos.

Foto: Die neugeschaffene “Hygieia” von 1999

 


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