Ludwig Richters "Striezelkinder"

Katalog des Kaufhauses Renner von 1930

Werbemarke des Kaufhauses Herzfeld

Zu den wichtigsten Merkmalen einer Stadt gehört traditionell ihre Funktion als Handelsplatz. In den über 800 Jahren Dresdner Stadtgeschichte hat sich dabei viel verändert. An die einstigen Krämerbuden und Verkaufsstände aus dem Mittelalter denkt heute beim Online-Einkauf kaum noch einer. Ein langer Weg führte vom 1216 verliehenen Stadt- und Marktrecht über die unzähligen Kleinhändler und Ladenbesitzer des 18. und 19. Jahrhunderts hin zu modernen Großkaufhäusern, Einkaufscentern und zum E-commerce.

Die Anfänge des Dresdner Marktwesens liegen zeitgleich mit der Entstehung der Stadt, um die Stadtbevölkerung mit notwendigen Lebensmitteln und Bedarfsgegenständen zu versorgen. Zentrum des Handels war über Jahrhunderte der Altmarkt, auf dem bereits im Mittelalter regelmäßige Wochenmärkte stattfanden. Rund um den Platz siedelten sich schon bald die wohlhabendsten Kaufleute an, in deren Händen der Fernhandel lag. Von Bedeutung war vor allem der Tuchhandel. Um die wertvollen Waren vor der Witterung geschützt zu verkaufen, errichtete man am Altmarkt ein 1259 erstmals erwähntes Kaufhaus, das zugleich Dresdens erstes Rathaus wurde (Bild). Während im Inneren Tuchwaren gehandelt wurden, gab es rund um das Gebäude kleine Krämerbuden und Verkaufsstände. 1467 ist am Altmarkt das erste Verkaufsgewölbe für die Marienapotheke erwähnt.

Auch das auf der anderen Elbseite gelegene deutlich kleinere Altendresden, die heutige Neustadt, erhielt am 21. Dezember 1403 das Stadt- und Marktrecht. Um eine Konkurrenz beider Marktorte zu verhindern, legte ein Schiedsspruch des Landesherren 1449 fest, das freitags nur in Altendresden Märkte abgehalten werden durften, während der Montag ein Privileg der linkselbischen Stadt war. Erst mit der Vereinigung beider Städte 1549 endete diese Zweiteilung und Wochenmärkte gab es vorerst nur noch auf dem Altmarkt. Bekanntester dieser Märkte ist der seit 1434 abgehaltene Striezelmarkt, der bis heute traditionell in der Vorweihnachtszeit stattfindet. Einst dauerte auch dieser nur einen Tag und war auf den sogenannten "Striezelmontag", den letzten Verkaufstag vor Weihnachten beschränkt.

Die älteste bekannte Marktordnung Dresdens vom 27. Februar 1570 legte die Regeln für die Wochenmärkte und den Handel in der Stadt fest. Dabei ging es sowohl um die Anordnung der Marktstände, die Zulassung einheimischer und fremder Händler zum Markt, die mit dem "Marktpfennig" zu zahlenden Gebühren, aber auch um die Preisgestaltung für wichtige Grundnahrungsmittel. Außerdem sollte die als unlautere Konkurrenz betrachtete "Höckerei", d. h. der Auf- und Wiederverkauf von Waren beschränkt werden. Bis ins 18. Jahrhundert gab es auf dem Altmarkt wöchentlich montags, mittwochs und freitags Märkte, auf dem Neustädter Markt dienstags und donnerstags. Das Bild zeigte einen Blick über den Altmarkt, wie er sich um 1770 an Markttagen präsentierte.

Einen sprunghaften Wandel erlebte der städtische Handel im 19. Jahrhundert. Insbesondere die Einführung der Gewerbefreiheit in Deutschland und der Reichsgewerbeordnung nach der Gründung des Deutschen Reiches 1870/71 führten, verbunden mit einem starken Bevölkerungswachstum, zur Gründung zahlreicher neuer Handelsunternehmen. Klassische Wochenmärkte verloren immer mehr ihre Bedeutung zugunsten von Läden und Kaufhäusern. So sank die Zahl der Marktbuden auf dem Altmarkt von 282 im Jahr 1858 auf nur noch 82 im Jahr 1876. Nicht zuletzt führten hygienische Bedenken dazu, den Verkauf von Waren unter freiem Himmel zu beschränken. Für Lebensmittelhändler entstanden als Ersatz drei Markthallen: Antons Markthalle am Antonsplatz 1893, die Neustädter Markthalle 1899 (Foto) und die speziell dem Groß- und Zwischenhandel vorbehaltene Großmarkthalle in der Friedrichstadt 1895. Lediglich Blumenhändler und Kleinsthändler durften auch weiterhin auf dem Altmarkt, dem Holbeinplatz, dem Neustädter Markt und - als Trödelmarkt - an der Stiftsstraße ihre Produkte verkaufen.

 

Fotos: Blumenmarkt auf dem Altmarkt - Trödelhallen am Stiftsplatz

Parallel zu dieser Entwicklung entstanden vor allem im Stadtzentrum moderne Wohn- und Geschäftshäuser und Großkaufhäuser, die ihren Kunden eine breite Produktvielfalt unter einem Dach anboten. Bekannteste waren das Kaufhaus Renner an der Südseite des Altmarktes, das Kaufhaus Alsberg an der Wilsdruffer Straße und das Residenzkaufhaus am Eingang zur Prager Straße (Foto). Letztere entwickelte sich bis zum Ersten Weltkrieg zur Hauptgeschäftsstraße der Stadt.

Auch in den eingemeindeten bevölkerungsreichen Vororten entstanden Stadtteilzentren und Geschäftsstraßen mit einem vielfältigen Angebot. Im Westen betraf das die Kesselsdorfer Straße in ihrem unteren Abschnitt, im Nordwesten das Areal um die Oschatzer Straße in Pieschen und im Osten die Borsbergstraße. In den dichtbebauten Gründerzeitquartieren der Äußeren Neustadt, der Johannstadt und der Pirnaischen Vorstadt gab es fast in jedem Erdgeschoss einen kleinen Laden oder Handwerksbetrieb. Nur wenigen dieser Kleinhändler gelang es, innerhalb kurzer Zeit zu expandieren und zu ansehnlichem Wohlstand zu gelangen. Erwähnt werden sollen der Molkereiwarenhändler Paul Pfund ("Pfunds Molkerei") und der auch politisch in der Sozialdemokratie engagierte Fischhändler August Paschky mit zahlreichen Filialen im gesamten Stadtgebiet.

Schwierig gestaltete sich die Situation des Handels nach dem Ersten Weltkrieg. Kriegsfolgen und Inflation sowie die Weltwirtschaftskrise führten zur Aufgabe vieler Geschäfte. Andere, wie die Kaufhausunternehmer Renner und Herzfeld versuchten durch Erweiterungen und Modernisierungen ihrer Warenhäuser konkurrenzfähig zu bleiben. Als besondere Attraktion erhielt das Kaufhaus Renner Dresdens erste Rolltreppe. Nach der Machtübernahme litten vor allem die zahlreiche jüdischen Händler unter Repressalien, die in der Pogromnacht 1938 mit Plünderungen und Zerstörungen ihrer Läden zur Aufgabe und zur Flucht gezwungen wurden oder in den Vernichtungslagern der Nazis umgebracht wurden. Die Bomben des Jahres 1945 vernichteten dann auch fast alle Dresdner Kaufhäuser, Hunderte Geschäftshäuser und Läden. Der Abschlussbericht vom 15. März 1945 nennt 31 völlig zerstörte Waren- und Kaufhäuser, 647 Geschäftshäuser und zwei Markthallen.

In der wirtschaftlich schwierigen Nachkriegszeit konzentrierte sich der Handel verstärkt in den vom Krieg verschont gebliebenen Vorortzentren. An der Kesselsdorfer Straße eröffnete kurz nach Kriegsende das erste Kaufhaus "Konsument" (Foto) und ab 23. Juni 1951 gab es auf der Altenberger Straße 29 das erste HO-Geschäft in Dresden, in dem man ohne Bezugsscheine Industriewaren erwerben konnte. Mit dem Aufbau der Innenstadt wurden auch dort wieder Handelseinrichtungen geschaffen, so 1954/55 durch den Bau des Centrum-Warenhauses an der Ecke Altmarkt / Wilsdruffer Straße, in den Teile des erhalten gebliebenen Kaufhauses Kaiser-Stoff-Etagen einbezogen wurden. 1969 konnte die völlig neu gestaltete Prager Straße als Haupteinkaufsstraße der Innenstadt übergeben werden. 1978 folgte dort das seinerzeit größte Centrum-Warenhaus der DDR. Um dem unzureichenden Warenangebot und der Unzufriedenheit der Bevölkerung zu begegnen, fand ab 1976 an der Wallstraße auf dem Areal der 1945 zerstörten Markthalle ein jährlicher Frühjahrs- und Herbstmarkt statt, in dem volkseigene Betriebe des Bezirkes Dresden auch in der DDR selten erhältliche Erzeugnisse anboten.

Mit der politischen Wende 1990 begann ein völlig neues Kapitel im Dresdner Handel. Zahlreiche neue Einkaufszentren, zunächst provisorisch auf der "grünen Wiese" wie der Kaufpark Rochwitz, später durch den Umbau alter Industriegebäude (Warenhaus Mälzerei) oder als komplette Neubauten in Nickern (Kaufpark Nickern), Seidnitz (Seidnitzcenter) und Gorbitz (Gorbitz-Center). Größtes Dresdner Einkaufscenter ist heute der 1995 eröffnete und mehrfach erweiterte Elbepark unmittelbar an der Autobahn im Stadtteil Kaditz. In der Innenstadt laden die überdachte Altmarkt-Galerie und die an Stelle des alten Centrum-Warenhauses an der Prager Straße errichtete Centrum-Galerie zum Einkauf ein. Ergänzt wird die Einkaufslandschaft durch kleine, jedoch sehr spezielle Geschäfte, die sich vor allem in der Äußeren Neustadt finden. Gleichzeitig erfreut sich der Online-Handel wachsender Beliebtheit. Längst kann man nicht nur in den Online-Shops von großen Anbietern wie Otto, Zalando oder amazon Produkte erwerben. Selbst Lebensmittel sind heute, bei Allyouneed Fresh und anderen Onlinesupermärkten rund um die Uhr und an 7 Tagen in der Woche erhältlich und werden auf Wunsch direkt an die Wohnungstür geliefert. Für den klassischen Handel vor Ort fordert das neue Ideen, wie sie z.B. mit kulturellen Veranstaltungen oder Aktionen wie "Dresden geht aus" seit einigen Jahren praktiziert werden.

 


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