Johanneskirche


Lage des alten Johanniskirchhofs
um 1828, oben links der heutige Pirnaische Platz

Grabmal
von George Bähr


Neue Johanneskirche

Blick zum Turm

Altar der Johanneskirche

Weihnachtsfest 1930

Schmuck zum Erntedankfest

Orgel der Johanneskirche

Fotos: Alfred Roßner
(SLUB/Fotothek)

Alte Johanniskirche:

Die Geschichte der Johanniskirche begann Mitte des 16. Jahrhunderts, nachdem sich 1556 Gläubige über den langen Weg zum Kirchhof der Bartholomäuskapelle in der Wilsdruffer Vorstadt beschwert hatten. Daraufhin erwarb der Dresdner Rat mehrere Grundstücke vor dem Salomonistor, so 1571 einen Garten des Bürgermeister Hans Walther für 400 Gulden, vier Jahre später Kunz Liebers Garten und ließ hier unter Einbeziehung von zwei bereits bestehenden Häusern eine Begräbniskapelle mit umliegendem Friedhof für die Bewohner der Pirnaischen Vorstadt einrichten. 1605 goß der Dresdner Kunstgießer Hans Hillger eine Glocke, die im Folgejahr im neuen Glockenturm Aufhängung fand.

Die Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges führten zu einer starken Fluchtbewegung protestantischer Böhmen aus den katholischen Gebieten, zunächst in die Grenzregionen Sachsens und nach Pirna, später auch nach Dresden. Nachdem mit dem Westfälischen Frieden 1648 der Krieg beendet war, eine Rückkehr in die alte Heimat jedoch ausschied, stellte die böhmische Gemeinde in Dresden am 23. August 1649 eine Bittschrift zur Gewährung eines öffentlichen Gottesdienstes an den sächsischen Kurfürsten Johann Georg I., der zunächst jedoch nur die Durchführung von Hausgottesdiensten gestattete. Am 8. April 1650 erließ er jedoch ein Rescript, in dem den nach Sachsen eingewanderten böhmischen Glaubensflüchtlingen die Johanniskirche als Gebetsort zugewiesen wurde. Die Gottesdienste sollten demnach nach den deutschen in böhmischer Sprache stattfinden. Als Pfarrer fungierten aus Prag verbannte Theologen. Mit Hilfe von Spenden und staatlichen Zuschüssen konnte sich die Exulantengemeinde in der Kirche einrichten, die fortan "Die Böhmische" genannt wurde. 1670 kaufte man noch das Ebelsche Haus und nutzte es bis zur Zerstörung im Siebenjährigen Krieg als Pfarrhaus. Große Verdienste erwarb sich später Georg Petermann, der von 1747 bis 1792 im Amt war und sich auch erfolgreich um den Wiederaufbau des Pfarrhauses 1770 bemühte.

1784 erfolgte der Abbruch der alten Johanniskirche wegen Baufälligkeit. Der Dresdner Ratsbaumeister Christian Heinrich Eigenwillig errichtete daraufhin 1789 an ihrer Stelle einen Neubau aus Sandstein (Bild links). Die Einweihung der Kirche, deren Bau 9000 Taler gekostet hatte, erfolgte am 2. Februar 1795. Dabei handelte es sich um eine schlichten rechteckigen Bau mit bescheidener Ausstattung. Diese zweite Johanniskirche blieb bis 1860 geöffnet. Am Silvesterabend des Jahres fand hier der letzte Gottesdienst statt. Wenig später wurde die Kirche entwidmet und 1861 abgebrochen. Aus dem Erlös des Grundstücks finanzierte die deutsche Gemeinde einen Großteil der Baukosten für die neue Johanneskirche. Die böhmische Exulantengemeinde ließ sich an der Wittenberger Straße die neogotische Erlöserkirche als neues Gotteshaus bauen.

 

Johanniskirchhof:

Der Kirchhof St. Johannis wurde 1571 auf Anordnung des Dresdner Rates vor dem Salomonistor außerhalb der Stadtmauer angelegt, nachdem der alte Frauenkirchhof und der Friedhof am Bartholomäushospital zu klein geworden war. Für diesen Friedhof entstand zugleich eine kleine hölzerne Kapelle, deren Weihe im Jahr 1575 erfolgte. Bereits zu dieser Zeit ist der Gottesacker als Kirchhof St. Johannis in den Akten verzeichnet. Dieser Friedhof wurde fortan als Begräbnisplatz der Dresdner Einwohner sowie der Bewohner der Pirnaischen Vorstadt genutzt. 1633, nach der Pestepidemie 1680 und 1721 machten sich Erweiterungen des Friedhofes erforderlich. Danach bot der Friedhof Platz für über 3000 Gräber. Umgeben war die Anlage von 165 sogenannten "Schwibbögen", kleinen Begräbnishäuschen für wohlhabende Dresdner Bürger (Bild: Carl Wilhem Arldt, Der alte Johanniskirchhof vor seiner Säkularisierung 1898).

Bis zur Schließung des Friedhofes wurden hier zahlreiche Dresdner Persönlichkeiten beigesetzt, deren Grabdenkmale zum Teil erhalten geblieben sind. Zu den hier begrabenen Persönlichkeiten gehören der Kreuzkirchen-Prediger Hermann Joachim Hahn (1679-1726), der Hofgoldschmied Johann Melchior Dinglinger (1664-1731), der Baumeister der Frauenkirche George Bähr (1666-1738), der Verleger und Zeitungspionier Johann Christian Crell (1690-1762), der Maler Anton Graff (1736-1813), der Komponist und Kreuzkantor Gottfried August Homilius (1714-1785), Oberlandbaumeister Johann Christoph Knöffel (1686-1753), der Satiriker Wilhelm Gottlieb Rabener (1714-1771) und der Orgelbauer Gottfried Silbermann (1683-1753).

Melchior Barthel (1625-1672): Der ca. 2 Meter hohe Grabstein zeigte ein Relief des Bildhauers mit seinen Werkzeigen, zu dessen Füssen ein Kind mit einem Wappenschild saß. Die Schrifttafel informierte über Leben und Tod des Künstlers. Mit Auflösung des Johannisfriedhofes wurde das bereits stark verwitterte Grabmal in den Hof des Hauses Johannisstraße 12 versetzt. Später kam er ins Stadtmuseum.
(Bild links: Cornelius Gurlitt, Die älteren Bau- und Kunstdenkmäler - Dresden-Stadt).

George Bähr (1666-1738): Die wohl bekannteste Person, die einst auf diesem Friedhof ruhte, ist der Baumeister der Dresdner Frauenkirche, George Bähr. Bei seinem Tod schuf der Bildhauer Johann Christian Feige für ihn eine ca. 1,50 Meter hohe Sandsteinplastik, die eine sitzende weibliche Figur, die sich auf eine abgebrochene korinthische Säule stützt. Über ihr schweben Wolken und zwei Putten. Eine Kartusche trägt die Inschrift:

Nun hab ich genug gelebt, gebaut, gelitten,
Mit Satan, Sünd und Welt genug gestritten,
jetzt lieg ich in dem Bau, der droben prangt,
Hab vollen Sieg und Ruh und Fried erlangt.
Nehmt Liebste Gott zum Mann und Vater an.
In deßen Treu niemand verderben kan.

Mit der geplanten Auflösung des Friedhofs kam Bährs Grabmal 1854 in die Katakomben der Frauenkirche und ist heute in der Unterkirche zu sehen.

Johann Adolph Pöppelmann (1694-1773): Pöppelmann, ältester Sohn des bekannten Hofbaumeisters Matthäus Daniel Pöppelmann, wirkte als Hofmaler in Dresden und starb am 2. Januar 1773. Seine Grabstelle wurde offenbar bei der Säkularisierung planiert. Eine am Grabmal befindliche Bleitafel wurde erst später bei Kanalarbeiten geborgen und ins Stadtmuseum verbracht.

Johann Eleazar Zeissig (1737-1806): Der unter dem Künstlernamen Schenau tätige Maler war viele Jahre Direktor der Dresdner Kunstakademie. Sein aus einer ca. 3 Meter hohen dorischen Säule, verschiedenen Reliefdarstellungen und Inschriften bestehendes Grabdenkmal wurde vermutlich von Franz Pettrich geschaffen. Wegen der bevorstehenden Aufgabe des Johannisfriedhofes wurde es zusammen mit den sterblichen Überresten des Malers im Auftrag seiner Nichte Marie Elisabeth Müller, geb. Zeissig, 1854 abgebaut und in seinen Heimnatort verbracht. Es befindet sich heute auf dem Alten Friedhof seines Geburtsortes Großschönau.
(Foto rechts: René Mettke / Wikipedia)

Mit Niederlegung der Stadtbefestigung nach den Napoleonischen Kriegen rückte das Areal der Pirnaischen Vorstadt und damit auch der alte Johannisfriedhof ins Licht der Stadtplanung, welche eine Auflösung des Friedhofes und die anschließende Bebauung des Grundstücks vorsahen. Bereits 1814 wurde deshalb verfügt, künftig keine weiteren Bestattungen mehr vorzunehmen. Diese unterblieb jedoch vorerst, so dass Teile der Schwibbögen zunächst sogar zu gewerblichen Zwecken vermietet waren. Am 23. Mai 1854 beschloss der Dresdner Rat die Auflösung des Johannisfriedhofs, gegen den Protest vieler Bürger und vor allem von Künstlern.1858 wurde der Friedhof säkularisiert und das Areal mit seinen ca. 3000 Grabstellen und den Schwibbögen wenig später geräumt und planiert. Einige wertvolle Grabsteine versetzte man dabei auf andere Friedhöfe. Nach dem Verkauf des Grundstücks entstand hier der Johannisplatz und später die Wohnhäuser der Johann-Georgen-Allee. Als Ersatz entstand 1881 weit vor der Stadt, im Vorort Tolkewitz, der neue Johannisfriedhof

 

Neue Johanneskirche:

Als Ersatz für die abgebrochene alte Kirche plante die Kirchgemeinde einen Neubau an der Einmündung der Pillnitzer in die Eliasstraße (Güntzstraße). Zur Finanzierung wurde zunächst der alte Kirchhof und das Abbruchmaterial verkauft, damit 1866 für 10.431 Taler der künftige Bauplatz erworben werden konnte. Ursprünglich war dieses Grundstück Teil des früheren Schulgutes. Mit dem Entwurf des Neubaus wurde der Zwickauer Architekt Gotthilf Ludwig Möckel beauftragt, der sich für den neogotischen Baustil entschied. Die Grundsteinlegung erfolgte am 29. Juni 1874, die Weihe am 24. April 1878. Bereits ein Jahr zuvor war die Tochtergemeinde der Kreuzkirche herausgelöst und zur eigenen Parochie erklärt worden. Dabei erfolgte auch der Wechsel der Schreibweise zu Johanneskirche.

Der markante Kirchenbau, der zugleich den östlichen Abschluss der Pirnaischen Vorstadt bildete, besaß ein Lang- und ein Querschiff und einen polygonalen Chor. Am südlichen Querschiff war ein 65 Meter hoher Turm angefügt. Das Geläut dafür, bestehend aus drei Glocken, stammte von der Dresdner Glockengießerei Große. Im Inneren des 47 Meter langen Kirchengebäudes gab es 931 Sitzplätze, die bei Bedarf noch um ca. 100 zusätzliche Stühle erweitert werden konnten. Über Wendeltreppen bzw. einen angebauten Treppenturm erreichbar waren zwei Emporen. Zur Ausstattung gehörte eine Orgel der Bautzner Firma Eule mit zwei Manualen, 28 Registern und 1692 Pfeifen. Außerdem gab es verschiedene kunsthandwerkliche Arbeiten Dresdner Firmen, schmiedeeiserne Beleuchtungskörper und geschnitzes Gestühl. Die zunächst vorhandene Gasbeleuchtung und Heißluftheizung wurde im Jahr 1900 modernisiert. Die Gesamtkosten des Kirchenbaus betrugen inklusive der Ausstattung ca. 613.000 Mark und wurden aus dem Vermögen der alten Johanniskirche, Darlehen von Nachbargemeinden und Mitteln der Güntz-Stiftung finanziert. Bei ihrer Einweihung war die Johanneskirche erster neugotischer Kirchenneubau in Sachsen.

Am 13./14. Februar 1945 trafen Bomben auch die Johanneskirche, welche völlig ausbrannte, in ihrer Substanz jedoch erhalten blieb (Foto 1949). Weitgehend unbeschädigt blieb der Kirchturm, welcher deshalb als Mahnmal und städtebaulicher Bezugspunkt in die Neugestaltung der Pirnaischen Vorstadt einbezogen werden sollte. In der Folge ergaben sich heftige Diskussionen zwischen staatlichen Behörden und dem Landesamt für Denkmalpflege, dem städtischen Hochbauamt und namhaften Architekten, die zunächst eine Aussetzung der Sprengung erreichten. Nach Drohungen gegenüber dem Landeskirchenamt, die Kosten eines späteren Abrisses selbst tragen zu müssen und politischer Einflussnahme durch den Oberbürgermeister Weidauer, wurde der Turm trotz aller Proteste am 8. April 1954 gesprengt. Die Ruine des Kirchenschiffs war bereits 1951 beseitigt worden. Seit 1994 steht an ihrer Stelle das katholische St.-Benno-Gymnasium, auf dessem Vorplatz einige Fragmente aufgestellt wurden.

 

 


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