Rudolf-Harbig-Stadion






Festschrift zur Einweihung 1923

Gedenkmedaille zur Jahresschau
"Sport und Spiel" 1923

Flutlicht-Giraffe und alter Sprecherturm
(Foto: Marcus Pink / Wikipedia)

Walter-Fritzsch-Denkmal
(Foto: Kay Körner / Wikipedia)

Die Geschichte des Stadions an der Lennéstraße reicht bis ins Jahr 1896 zurück. Zu dieser Zeit erwarb die Stadt Dresden eine ca. sieben Hektar große Wiesenfläche im Süden der Pirnaischen Vorstadt, um hier Sportplätze, eine Radfahr- und Eislaufbahn sowie Ballspielplätze anzulegen. An der Lennéstraße entstand ein Sportcasino (Foto links). Die Finanzierung in Höhe von 462.000 Mark übernahm der Dr. Güntzsche Verschönerungsfond, eine Stiftung des 1875 verstorbenen jüdischen Rechtsanwalts Justus-Friedrich Güntz. Zuvor hatte es bereits auf der benachbarten "Fußballwiese" an der Lennéstraße am 4. August 1895 ein öffentliches Fußballspiel gegeben.

In kurzer Zeit entstanden nun zwischen Pirnaischer Straße, Johann-Georgen-Allee und Bürgerwiese Sport- und Spielstätten für die Dresdner Bevölkerung. Die Verwaltung blieb bei der Stadt, die die Anlagen Schulen unentgeltlich und Vereinen gegen eine geringe Gebühr überließ. Den großen Sportplatz an der Johann-Georgen-Allee (heute Lingnerallee) übernahm der 1898 gegründete Sportverein "Dresdensia". Im Zusammenhang mit der von Karl August Lingner initiierten I. Internationalen Hygieneausstellung erfolgte 1911 eine umfassende Erneuerung der Sportanlagen.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde schließlich aus Anlass der Jahresschau "Sport und Spiel" 1922/23 auf dem Gelände der sogenannten "Güntzwiesen" ein Leichtathletikstadion mit 24.000 Zuschauerplätzen gebaut (Luftbild). Die Einweihung erfolgte am 16. Mai 1923. Da ein Großteil der Kosten von der Stiftung des Unternehmers Hermann Ilgen übernommen worden war, erhielt das Stadion den Namen "Ilgen-Kampfbahn". Die gesamte Anlage bestand aus einem zentralen Stadion mit Spielfeld, einer umschließenden 410 Meter langen Laufbahn und Sprungflächen für Weit- und Hochsprung. Hinzu kamen im südlichen Teil gelegene Tennisplätze, ein Sportcasino, Umkleide- und Lagerräume. Nördlich schloss sich ab 1926 das Georg-Arnhold-Bad an, wo es zudem an Stelle der heutigen Liegewiese einen Übungsplatz und einen Hockeyplatz gab. Am Eingang Johann-Georgen-Allee wurden zwei sechs Meter hohe Säulen mit Inschriften und einem Reliefbild des Stifters, geschaffen von Arthur Lange, aufgestellt. Diese Gedenksäulen befinden sich bis heute am Eingang des Bades.

Hauptsächlich fanden in der Ilgen-Kampfbahn Leichtathletik-Wettbewerbe statt. Regelmäßig gab es hier auch Wettkämpfe Dresdner Schulen. Gelegentlich nutzte auch der Verein "Dresdensia" das Stadion für Fußballspiele. Dessen bisheriger Platz war 1930 für das Ausstellungsgelände der II. Internationalen Hygieneausstellung in Anspruch genommen worden. 1932 erhielt "Dresdensia" dann eine neue Sportstätte an der Teplitzer Straße in Strehlen. Bereits 1923 hatte am 12. August in der Ilgen-Kampfbahn eine Begegnung der deutschen und der finnischen Fußball-Nationalmannschaft stattgefunden, die Deutschland mit 1:2 verlor. Zu den sportlichen Höhepunkten gehörte der am 24. Mai 1941 im Stadion erzielte Weltrekord im 1000-Meter-Lauf durch Rudolf Harbig.

Beim Luftangriff am 13. Februar erlitt das Stadion erhebliche Bombenschäden und war vorerst nicht mehr nutzbar. Schrittweise erfolgte der Wiederaufbau, wobei zum Aufschütten der Traversen auch Trümmerschutt zum Einsatz kam. Am 23. September 1951 konnte die frühere Ilgen-Kampfbahn unter dem Namen Rudolf-Harbig-Stadion wieder eingeweiht werden. Namensgeber war der aus Dresden stammende Leichtathlet Rudolf Harbig, der in den 1930er Jahren mehrere Weltrekorde im 400-, 800- und 1000-Meter-Lauf aufgestellt hatte. Der Europameister im 800-Meter-Lauf von 1938 fiel am 5. März 1944 als Soldat in der Ukraine. Im Eröffnungsspiel besiegte Lokomotive Stendal den Dynamo-Vorgängerverein SG Deutsche Volkspolizei mit 3:1. Ein Jahr später fand hier am 18. August 1952 die Eröffnung des 1. Pioniertreffens der DDR-Jugendorganisation statt (Foto: Bundesarchiv / Wikipedia).

Ab 1957 war das Rudolf-Harbig-Stadion dann Spielstätte des 1953 gegründeten Fußballvereins SG Dynamo Dresden. Zuvor hatte Dynamo seine Heimspiele im Heinz-Steyer-Stadion ausgetragen. 1962 gab es erstmals seit Kriegsende wieder ein Fußball-Länderspiel an der Lennéstraße. Die DDR besiegte vor 30.000 Zuschauern Rumänien mit 3:2. Fortan dominierte nun der Fußball die Spielstätte.

Ende der 1960er Jahre erhielt das Stadion eine moderne Flutlichtanlage. Als Beleuchtungsträger dienten die vier 62 Meter hohen charakteristischen "Giraffen", welche vom Stahlbauingenieur Manfred Mortensen gemeinsam mit dem Architekten Günter Schöneberg und dem Ingenieur Friedrich Schmidt entworfen wurden. Die Stahlkonstruktion der Masten stammte aus dem Tangermünder VEB Schiffsreparaturwerften, die Montage übernahm der VEB Sächsischer Brücken- und Stahlhochbau in Zusammenarbeit mit weiteren Dresdner Firmen. Im oberen Teil befanden sich 104 Quecksilberdampflampen, die das Spielfeld gleichmäßig ausleuchteten. Am 3. September 1969 ging die Anlage bei einem Freundschaftsspiel Dynamos gegen eine DDR-Auswahl in Betrieb. Zwei Jahre später erfolgte die offizielle Umbenennung des Rudolf-Harbig-Stadions in Dynamo-Stadion (Foto: Kay Körner / Wikipedia).

Der sportliche Erfolg Dynamos und das rasant gewachsene Zuschauerinteresse machten bald Modernisierungen und Erweiterungen erforderlich. Am 6. Juni 1979 ging eine moderne elektronische Anzeigentafel in Betrieb, die als eines der wenigen Relikte dieser Zeit noch heute an der Nordkurve des Stadions erhalten blieb. Konstruiert wurde diese vom VEB Kosora. Die 11 x 4 Meter große Tafel besaß 4333 Lampen und konnte sowohl den Spielstand als auch die Torschützen anzeigen. 1980 wurde in mehrmonatiger Bauzeit die Zuschauerkapazität des Dynamo-Stadions auf 38.500 erweitert. Nach dem Ende der DDR übernahm Dynamo die Sportanlage zunächst, bevor diese durch die Treuhandanstalt an die Stadt Dresden übergeben wurde. Das Foto links zeigt eine Szene aus dem DDR-Oberliga-Spiel Dynamo - 1. FC Magdeburg am 26.10.1974 (Bundesarchiv / Wikipedia).

Nach 1990 zeigten sich deutliche Mängel an der historischen Sportstätte, welche zudem nicht mehr den modernen Sicherheitserfordernissen eines Fußballstadions entsprach. 1992 erfolgte für die künftige Nutzung bei Bundesligaspielen ein erster Umbau, der jedoch mit einer Reduzierung der Zuschauerplätze auf 32.500 Plätze einherging. Dafür bekamen die Traversen teilweise Schalensitze, und das Spielfeld einen Rollrasen. Am 14. Oktober des gleichen Jahres fand eine Begegnung der deutschen Nationalmannschaft gegen Mexiko statt. Hauptnutzer blieb jedoch Dynamo Dresden mit seinen Bundesliga- und Regionalligaspielen. Der Aufstieg des Vereins in die zweite Bundesliga 2004 rückte schließlich einen dringend notwendigen Um- oder Neubau in den Focus.

Letztlich entschied sich die Stadt, das alte Stadion komplett abzutragen und durch eine moderne Fußballarena zu ersetzen. Die internationale Ausschreibung dafür gewann 2006 die Neusser Firma HBM Stadion- und Sportstättenbau, die am 19. November 2007 mit den Abrissarbeiten begann. Neben den Tribünen und dem Hauptgebäude verschwanden beim Umbau auch die vier Flutlichtmasten und der alte Sprecherturm. Am 15. September 2009 wurde der 45 Millionen teure Neubau mit einem Freundschaftsspiel gegen Schalke 04 eingeweiht. Die Arena bietet 32.300 vollständig überdachte Zuschauerplätze, darunter 19.500 Sitzplätze und 22 VIP-Logen. Sie wird neben Fußballspielen gelegentlich auch für Konzerte, u.a. das alljährliche Adventskonzert des Dresdner Kreuzchors genutzt. Außerdem gibt es im Hauptgebäude an der Lennéstraße einen großzügigen VIP-Bereich, Kassen und einen Fanshop sowie das Dresdner Fußballmuseum. Nach einer zwischenzeitlichen Umbenennung in "Glücksgas"-Stadion (2010-14) bzw. "DDV-Stadion (2016-18) (nach dem Sponsor) trägt es nach einer von Fans initiierten Abstimmung heute wieder den traditionellen Namen Rudolf-Harbig-Stadion.

 

Dynamo-Casino: Das offiziell HO-Clubgaststätte genannte Dynamo-Casino befand sich bis zum Abriss des alten Stadions im Obergeschoss des Hauptgebäudes an der Lennéstraße. Eingerichtet wurde es 1962 und blieb bis zur Schließung weitgehend unverändert. Vorrangig wurden hier Spieler und Betreuer des Vereins gastronomisch versorgt. Gleichzeitig stand die Gaststätte jedoch auch Fans und anderen Besuchern offen. Neben den Gasträumen gab es einen Saal für bis zu 160 Personen, der für Feiern und Veranstaltungen genutzt wurde. Wegen der besonderen Rolle des Leistungssports in der DDR waren hier auch häufig Gerichte zu bekommen, die in der DDR Mangelware waren. Originell waren die Speisekarten, auf denen bekannte Spieler für ihre (angeblichen) Leibspeisen warben. Mit dem Neubau des Stadions wurde auch das Casino geschlossen. Einige Erinnerungsstücke befinden sich Dresdner Fußballmuseum.

Fußballmuseum: Das Dresdner Fußballmuseum wurde als private Sammlung von Jens Genschmar gegründet. Zwischen 2006 und 2010 war ein Teil in einem Ladenlokal an der Hauptstraße ausgestellt. Seit dem Abriss des Hauses befindet sich das Fußballmuseum seit 2011 im Stadion und kann dort im Rahmen von Stadionführungen besichtigt werden. Zu sehen sind zahlreiche Exponate zur Dresdner Fußballgeschichte von 1892 bis zur Gegenwart, u.a. Trikots, Medaillen, Souvenirs und Wimpel von Dynamo Dresden und anderen Dresdner Vereinen. Zu den Attraktionen gehören u.a. ein Trikot der deutschen Nationalmannschaft von 1933 sowie alle Meisterschaftsmedaillen Dynamos.

Steinhaus: Das Steinhaus an der Blüherstraße entstand ursprünglich als Fachwerkbau und diente als Lagerraum für Sportgeräte und als Umkleidemöglichkeit. 1926 wurde es in Ziegelbauweise neu errichtet und erhielt dabei zeitgemäße Wasch- und Umkleideräume, Teile dienten als Büro. Beim Luftangriff wurde das Gebäude schwer beschädigt und nach Kriegsende nach Plänen der Architekten Emil Leibold und G. Gebauer wiederaufgebaut. Von 1951 bis 2009 wurde es als Verwaltungsgebäude von Dynamo genutzt und steht seitdem leer.

Walter-Fritzsch-Gedenkstein: Die ca. 1,50 große Stele erinnert an den Dresdner Meistertrainer Walter Fritzsch, der von 1969 bis 1978 Dynamo trainierte und in dieser Zeit die größten Erfolge der Mannschaft erreichte. Nach dem Tod des Trainers 1997 stifteten Fans den Gedenkstein, der zunächst am sogenannten "Steinhaus" stand. Später wurde er zum VIP-Bereich, 2018 zum Eingang zum Familienblock versetzt. Der Stein nennt Fritzschs Lebensdaten, die Jahre seiner Trainerzeit und die Worte "Bescheiden. Fleißig. Ehrgeizig."

 


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