Bürgerwiese


Werbung der Palucca-Schule von 1926


Bürgerwiese 10 und 12

Neubau Bürgerwiese 16
(Foto 1938)

Dianabad
(Bürgerwiese 16)

Pension von Leipziger (Bürgerwiese 20)

Der Straßenname Bürgerwiese geht auf ein vor den Stadtmauern gelegenes Areal zurück, auf welchem früher der Heubedarf des städtischen Marstalls gedeckt wurde. Vermutlich lag hier einst ein später ausgetrockneter Teich, der dafür in eine Wiesenfläche umgewandelt worden war. 1469 wird diese erstmals als "Burgerweße" urkundlich genannt. Zwischen 1838 und 1869 ließ die Stadt die Flächen zu Parkanlagen umgestalten. In diesem Zusammenhang verschwand auch eines der alten Dresdner Wahrzeichen, das "garstige Ding". Die Plastik zeigte eine Frau mit einem Hund und soll der Überlieferung nach als Strafe für ein Vergehen entstanden sein. Ursprünglich befand sie sich im Chor der alten Kreuzkirche und wurde später an einer Mauer an der Bürgerwiese angebracht.

Die wenigen hier befindlichen Häuser wurden bis 1815 unter der Adresse "An der Kaitzbach" zusammengefasst. 1751 werden die Grundstücke "An der Kaditzbach" genannt. Namensgeber war in beiden Fällen der früher offen zur Elbe fließende Kaitzbach. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war zudem die Bezeichnung Dohnaer Straße bzw. Strehlener Fuhrweg üblich.

1815 vereinigte man die Straße mit einem an der Westseite des Jüdenteiches verlaufenden Weg (Halbe Gasse) und führte für beide die amtliche Bezeichnung Dohnaische Gasse ein, da an deren Ende der Dohnaische Schlag (Hebestelle für Abgaben) lag. Erst 1861 kam dann die Bezeichnung An der Bürgerwiese auf, ein angrenzender Platz erhielt zugleich den Namen Dohnaischer Platz. Die Straße selbst besaß bis 1945 zwei geteilte Fahrbahnen zu beiden Seiten der gleichnamigen Parkanlage.

Foto: Die Westseite der Bürgerwiese um 1904

Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden auf beiden Seiten der Bürgerwiese repräsentative Wohnhäuser, darunter auf der östlichen Straßenseite das bekannte Palais Kaskel-Oppenheim (Nr. 9-11). In der Nr. 3 gab es hier vor dem Ersten Weltkrieg das Restaurant "Zur Bürgerwiese" von August Freudenberg. Zu den Bewohnern der weiteren Gebäude der Ostseite gehörte der frühere sächsische Ministerpräsident Viktor Alexander von Otto (1852-1912) und die Tanzpädagogin Gret Palucca, die hier Mitte der Zwanziger Jahre auch Tanzkurse gab (beide Nr. 25). Architekt des Hauses wie auch der benachbarten Nr. 23 war Carl Friedrich Kraft.

Auch auf der in Richtung Seevorstadt gelegenen westlichen Seite der Bürgerwiese gab es einige bemerkenswerte Wohngebäude. In einem dieser Häuser (Nr. 4) wohnte bis 1873 der Maler Julius Hübner (+ 1882). Hübner war ab 1841 Professor für Historienmalerei an der Kunstakademie und ab 1871 Direktor der Dresdner Gemäldegalerie.

 

Einzelne Gebäude:

Nr. 6: Dieses Gebäude in der westlichen Straßenfront der Bürgerwiese war architektonisch ungewöhnlich, das es im Erd- und ersten Obergeschoss einen Doppelbogen als Durchgang zur Portikusstraße besaß. Bereits seit 1907 ist hier eine Lichtbildnerei nachweisbar, die 1918 von der Fotografin Genja Jonas (1895-1938) als Atelier übernommen wurde. Jonas gehörte in den 1920er Jahren zu den bekanntesten Dresdner Porträtfotografen und schuf u.a. Aufnahmen prominenter Künstler wie Kurt Schwitters, Joachim Ringelnatz, Adolf Wohlbrück, Erich Ponto und Pol Cassel. Zudem gehörte sie einem Kreis von Künstlern der Dresdner Sezession an und war mit der Tanzpädagogin Gret Palucca befreundet. 1934 verzog sie mit ihrem Mann zur Bürgerwiese 4 und starb vier Jahre später an Krebs.

Nr. 10: Das Mitte des 19. Jahrhunderts entstandene Bürgerhaus beherbergte bereits vor dem Ersten Weltkrieg die Elisabeth-Schule, eine private evangelische Mädchenschule, in der Schülerinnen von neun bis fünfzehn Jahren aufgenommen wurden und zu der auch ein angeschlossenes Internat im Nachbarhaus Nr. 12 gehörte. Später wohnte hier bis 1945 der Maler und Grafiker Max Rosenlöcher (1908-1991), ein Schüler von Ferdinand Dorsch. Zudem gab es im Haus die Weingroßhandlung Köchel & Sohn. Die Nachbargebäude Nr. 12 und 14 dienten zeitweise als Fremdenpensionen (Pension Wunderlich - Nr. 14).

Werbung des Pensionats der Elisabethschule um 1910

Nr. 16 (Seebachsches Haus): Das Gebäude wurde 1839 von Georg Herrmann Nicolai für den Koburgischen Forstmeister von Seebach erbaut und war deshalb als Seebachsches Haus bekannt (Foto: um 1916 - SLUB / Fotothek). Das nach Vorbild der venezianischen Frührenaissance gestaltete Gebäude erregte damals weit über Dresden hinaus Aufsehen und war zudem stilbildend für weitere Bauwerke dieser Zeit. Die unterschiedlichen Ansätze zwischen Nicolai und Semper, die Ideen der italienischen Renaissance in zeitgenössische Formen umzusetzen, führten zu einem jahrzehntelangen Streit, wer als eigentlicher "Vater" dieses Villenstils gilt. Nicolai bestand bis zu seinem Tod darauf, Semper keinesfalls kopiert, sondern selbst diesen Stil entwickelt zu haben. 1899 wurde das Seebachsche Haus zugunsten der Wohnhäuser Nr. 20/22 abgerissen.

Nr. 18: Das Eckhaus zur Lüttichaustraße entstand 1846-47 nach Plänen von Friedrich August Lehmann. Das fünfgeschossige Gebäude mit 15 Achsen zur Bürgerwiese und 13 zur Lüttichaustraße war eines der ersten klassischen Mietshäuser in Dresden (Foto). Ursprünglich lautete die Adresse Halbe Gasse 5, wechselte später in An der Bürgerwiese 17 und 1890 in Bürgerwiese 18. Architekt, Bauherr und erster Besitzer war der als "Stubenmaler" im Adressbuch verzeichnete Friedrich August Lehmann, der in der Lüttichaustraße 3 wohnte. Lehmann vermietete die Räume überwiegend an Adlige, so an den k. k. österreichischen Kämmerer von Auersberg und an die geschiedene Ehefrau Fürst Pücklers mit ihrem Diener. Auch der frühere sächsische Innenminister Johann Paul von Falkenstein, Ehrenbürger von Dresden, wohnte hier, ebenso wie später der ehemalige Finanzminister Heinrich Anton von Zeschau und Hofmarschall R. E. von Zetzschwitz. Um 1900 befand sich in einigen Räumen eine Pension, 1929 gab es im Haus das Konsulat von Österreich.

Nr. 20/22 (Dianabad): Die beiden angrenzenden Häuser wurden 1899 an Stelle des abgetragenen Seebachschen Hauses und des benachbarten "Dianabades" erbaut (Foto). Architekt der im Neobarock und Jugendstil gestalteten Gebäude war Felix Reinhold Voretzsch, den plastischen Schmuck schuf Leopold Armbruster. Im Erdgeschoss und im hinteren Teil gab es Ladenlokale sowie das neu eingerichtete Dianabad mit irischen und römischen Dampfbädern und Räumen für Massage und Hydro- und Elektrotherapie. Das 2. und 3. Obergeschoss nutzte die Pension von Leipziger. Zu den Mietern gehörten auch Ärzte und kleinere Gewerbebetriebe.

Nr. 24 (Industriehaus): Das Bürohaus an der Ecke zur Lindengasse entstand Ende des 19. Jahrhunderts an Stelle eines abgerissenen Vorgängebaus und befand sich im Besitz des Deutschen Industrieschutzverbandes. Architekt des Hauses war Johannes Thierfelder. Zu den Nutzern gehörten verschiedene Wirtschaftsverbände wie der Verein Sächsischer Holzindustrieller, der Arbeitgeberverband der sächsischen Sägewerksindustrie und der Verband Sächsischer Industrieller. Von 1936 bis 1945 hatte die NSDAP-Gauleitung hier ihren Sitz.

Nr. 26: (ehem. Nr. 14): Architektonisch interessant war das 1838 von Woldemar Hermann errichtete Eckhaus mit drei Etagen und einem Mezzaningeschoss (Foto 1875 - SLUB / Fotothek). Der Architekt gestaltete das Gebäude im Stil eines italienischen Palastes unter Nutzung klassizistischer und Neorenaissance-Formen. Ursprünglich lautete die Anschrift Halbe Gasse 2 und wechselte später in Bürgerwiese 14 bzw. 26.Besitzer des palastartigen Gebäudes gegenüber dem früheren Dohnaischen Schlag war François Frédéric Xavier de Villers (1770-1846), der als Professor für französische Sprache an der Kadettenanstalt tätig war. Später wohnten hier wohlhabende Bürger und Adlige, im Mezzaningeschoss zeitweise der Direktor des Grünen Gewölbes Carl Theodor Chalybäus. 1899 wurde es zugunsten neuer Mietshäuser abgebrochen.


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