Ehrlichsches Gestift






Die Ehrlichsche Schulstiftung, auch Ehrlichsches Gestift genannt, wurde 1740 vom Dresdner Kaufmann und Ratsherrn Johann Georg Ehrlich (1676-1743) als Armen- und Schulstiftung gegründet. Ehrlich war als Pächter des Ratskellers, Eisenhändler und Ältester der Kramerinnung zu einem umfangreichen Vermögen gekommen. Zweck der Einrichtung war zum einen die Unterstützung von erwachsenen Armen durch wöchentliche Brotspenden, zum anderen die Fürsorge für einhundert arme Kinder, die auf Kosten der Stiftung unterrichtet und verpflegt werden sollten. Zwei Lehrer unterrichteten die 50 Jungen und 50 Mädchen in Religion, Lesen, Schreiben und Rechnen.

Ursprünglich befand sich das Schulgebäude in der Nähe des Freiberger Platzes, wo bis 1945 die Stiftsstraße daran erinnerte (heute Alfred-Althus-Straße). Zur Finanzierung und Versorgung gab es außerdem das sogenannte "Schulgut" (Bild links), ein Vorwerk in der Nähe des Blasewitzer Schlages in der heutigen Pirnaischen Vorstadt. Ehrlich hatte dieses als Grundstock seiner Stiftung testamentarisch zur Verfügung gestellt. Heute liegt dort die nach diesem Gut benannte Schulgutstraße. Am Rampischen Schlag besaß das Ehrlichsche Gestift zudem drei Gärten.

Ende des 19. Jahrhunderts entschied sich die Stiftung, ihren Sitz in die Pirnaische Vorstadt zu verlegen. 1872 wurde die bestehende Freischule in eine Bürgerschule mit vier Klassen umgewandelt. Wenig später entstand in der Nähe des heutigen Straßburger Platzes an der Blochmannstraße 2 ein neues Schulgebäude mit Turnhalle (Foto rechts). Die Einweihung des neuen Ehrlichschen Gestifts erfolgte im Oktober 1880. Ab 1894 fungierte sie als höhere Bürgerschule mit 10 Schul- und Fortbildungsklassen für insgesamt 250 Schüler. Unterrichtet wurden die Jungen u.a. in Chemie, Buchführung, Handelsgeographie und Stenographie, die Mädchen in Koch- und Haushaltungsunterricht und in englischer Sprache.

Mit wachsender Schülerzahl entstand 1894 ein neues Erziehungshaus (Internat) für 50 Schüler. 1907 wurde auf dem Schulgelände eine eigene Stiftskirche erbaut. Fünf Jahre später folgte ein von Stadtbaurat Hans Erlwein entworfener Erweiterungsbau. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Stiftsschule 1921 in die 78. Volksschule umgewandelt.

Bei den Luftangriffen im Februar 1945 wurden die Schulgebäude stark beschädigt. 1950/51 konnte zumindest das Haupthaus in veränderter Form wieder aufgebaut werden (Foto links). Die Gestaltung erfolgte im Stil des sozialististischen Klassizismus und übernahm verschiedene Elemente des Erlwein-Baus. Leiter des Wiederaufbaus war Emil Leibold. Im Inneren befanden sich 21 Unterrichtsräume und eine Aula mit 100 Plätzen. Bis 1981 wurde es von der Musikhochschule "Carl Maria von Weber" genutzt. Seit 2012 erinnert eine im Beisein ehemaliger Schüler angebrachte Gedenktafel für Johann George Ehrlich an den einstigen Stifter. Die Freiflächen mit drei Eiben auf dem Grundstück wurden 1975/76 von Günther Krätzschmar mit Blumenrabatten und einer inzwischen entfernten Sonnenuhr (Entwurf Hans Konrad) gestaltet. Heute gehört das Areal zur Akademie für berufliche Bildung, für die ein moderner Campus auf dem ehemaligen Stiftsgrundstück entstand. Die Grundsteinlegung erfolgte am 9. März 2016.

 

Stiftskirche:

Bereits zum Zeitpunkt seiner Gründung besaß das Ehrlichsche Gestift eine eigene Stiftskirche. In den Anfangsjahren nutzte man dafür die noch aus dem Mittelalter stammende Lazarettkapelle am heutigen Wettiner Platz. Diese war ursprünglich als "Pestkapelle" errichtet worden und unterschied sich äußerlich kaum von den benachbarten Wohnhäusern. 1702 erfolgte eine erste Erweiterung der Betstube, 1732 eine weitere. Im Zuge der Stiftungsgründung ließ Johann Georg Ehrlich das Gebäude 1738 aufstocken und mit Emporen ausstatten. Bis zur Verlegung der Stiftsschule diente diese Kirche ihrem Zweck und wurde 1897 zugunsten der neuen Jakobikirche abgerissen. Das Foto rechts zeigt den Innenraum der Kirche im Jahr 1884 (Foto: Hermann Krone / SLUB-Fotothek).

Nach dem Umzug zum Straßburger Platz fanden die Gottesdienste ab 1880 in der nahegelegenen Johanneskirche, später in einem Betsaal in der Schule statt. Erst ab 1904 konnte auf dem Schulgelände eine eigene Gestiftskirche errichtet errichtet werden. Architekt des Neubaus war Karl Emil Scherz, der sich für einen Bau im Stil des Historismus entschied. Die Fassade war mit Klinkern verkleidet und Sandsteinelementen gegliedert. Drei von Friedrich Hecht gestaltete Reliefköpfe am Hauptportal zeigten Melanchthon, den Stiftsgründer Johann George Ehrlich und den ehemaligen Dresdner Superintendenten Valentin Löscher. Am 11. März 1907 wurde die Ehrlichsche Gestiftskirche ihrer Bestimmung übergeben. Zur Innenausstattung gehörten ein 1906 von Bruno Hermann Fischer geschaffenes Kruzifix und eine Sandsteinfigur von Graf Nikolaus von Zinzendorf von Martin Engelke und eine Orgel. Der Altar stand auf einem zweistufigen Podest mit seitlichen schmiedeeisernen Gittern. Neben der zentralen Kreuzigungsfigur knieten je eine weibliche und männliche Figur in Andachtshaltung. Für die Atmosphäre im Innenraum sorgten farbige Rosetten- und neogotische Spitzbogenfenster, die im Chor Szenen aus der christlichen Mythologie zeigten. Eine Rundbogenkolonnade am Eingang und der seitliche Treppenturm waren im neoromanischen Stil gestaltet.

Im Zuge der Metallspendenaktionen während des Ersten Weltkriegs mussten zwei Glocken und mehrere Orgelpfeifen abgegeben werden. Die wirtschaftliche Lage nach dem Krieg sowie die Hyperinflation 1923 brachten auch die Ehrlichsche Stiftung in eine schwierige Situation. Um Kosten für die Heizung zuu sparen, wurden die Gottesdienste zeitweise in den Andachtssaal des Erziehungshauses verlegt. Im September 1923 mussten der Stiftskantor und der zweite Prediger entlassen werden. Zusätzliche Einnahmen bekam die Stiftung durch die Vermietung des Kirchengebäudes an die altlutherische St.-Pauls-Gemeinde ab 1. März 1924.

Ebenso wie die Schulgebäude wurde auch die Kirche beim Luftangriff schwer beschädigt und brannte aus. Ihr Wiederaufbau wäre möglich gewesen und wurde als künftiger Konzertsaal der Musikhochschule auch erwogen. Dafür erfolgten in der Nachkriegszeit erste Aufräumarbeiten. Ehemalige Schüler forderten am 2. Juli 1950 in einer Entschließung die Erhaltung und den Wiederaufbau der Kirche. Auch das Denkmalamt setzte sich für ihren Erhalt ein und forderte zumindest die Bergung der drei großen Figuren an den Kirchengiebeln und der Johann-Georg-Ehrlich-Tafel. Letztlich wurde die Kirchenruine jedoch im August 1951 gesprengt. Erhalten blieben von der früheren Ausstattung das Taufbecken und das Gestühl, die in die Thomaskirche in Gruna überführt wurden. Das Kruzifix und eine Gedenkbüste für den Stifter Ehrlich kamen in die Seidnitzer Nazarethkirche. Am Eingang dieser Kirche fanden die beiden Altarfiguren Aufstellung (Foto).

 


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