Hygienemuseum






Pavillon "Der Mensch" zur I. Internationalen Hygieneausstellung 1911

Plakat der II. Internationalen Hygieneausstellung 1930

Im Jahr 1911 fand auf Anregung des Unternehmers Karl August Lingner die I. Internationale Hygieneausstellung in Dresden statt. Lingners Ziel war es, mit dieser Ausstellung die breite Volksmasse für hygienische Maßnahmen und einen gesunde Lebensweise zu sensibilisieren und entsprechende Verbesserungen der Volksgesundheit zu bewirken. Zugleich sollten die Menschen die Funktionsweise ihres Körpers besser kennenlernen und die Industrie die Möglichkeit erhalten, neueste Entwicklungen rund um das Thema Gesundheit öffentlich zu vorzustellen. Auf einem Gelände zwischen Stübelallee, Herkulesallee und Blüherstraße entstanden mehrere Pavillons mit insgesamt 75.000 m² Fläche, das Freigelände umfasste 320.000 m². Kernstück der aus sechs Abteilungen bestehenden Ausstellung war die von Lingner konzipierte Halle "Der Mensch", welche sich mit dem Schutz vor Krankheiten und gesundheitlichen Störungen befasste und Kenntnisse zu einer gesunden Lebensführung vermitteln sollte. Zahlreiche Bildtafeln, Präparate und von den Besuchern zu bedienende Exponate verdeutlichten dieses Anliegen. Weitere Pavillons beherbergten Länderausstellungen, u.a. von Brasilien, China, Japan, Rußland (Foto: Russischer Pavillon) und Frankreich. Insgesamt besuchten über 5,5 Millionen diese Ausstellung.

Bereits damals plante Lingner, die temporäre Ausstellung zu einer ständigen Einrichtung zu machen und dafür ein nationales Hygiene-Museum zu gründen. Obwohl der Unternehmer erhebliche finanzielle Mittel und auch seine Exponate aus dem Ausstellungsteil "Der Mensch" zur Verfügung stellte, blieben diese Absichten zunächst unrealisiert. Stattdessen wurden Teile der Schau ab 1912 in einem Gebäude an der Großenhainer Straße 9, ab 1923 in einem Haus an der Zirkusstraße präsentiert. 1912 entstanden die Lehrmittelwerkstätten und das Pathoplastische Institut. Ein Jahr später gründete sich ein "Verein für das National-Hygiene-Museum" unter Leitung Lingners, dem einige Medizinexperten, u.a. der Direktor des Leipziger Instituts für Geschichte der Medizin Prof. Sudhoff zur Seite standen. Letztlich führte der Erste Weltkrieg vorerst zum Scheitern des Projektes. Allerdings gab es ab 1920 gelegentliche Wanderausstellungen und 1921 eine Beteiligung an der internationalen Hygieneausstellung in Amsterdam. Im Sommer 1926 war man an der "Großen Ausstellung für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen" (Gesolei) in Düsseldorf beteiligt.

Ende der 1920er Jahre griff man die ursprüngliche Idee des 1916 verstorbenen Mäzens wieder auf. Als künftigen Standort des Hygienemuseums wählte man den sogenannten "Rechenberger Lustgarten", eine im 18. Jahrhundert entstandene Gartenanlage zwischen Bürgerwiese und Johann-Georgen-Allee (Lingnerallee). Zuletzt gehörte diese zur benachbarten Sekundogenitur, einem im Besitz der Wettiner befindlichen Palais an der Zinzendorfstraße. Für die Umsetzung von Lingners Plänen hatte sich vor allem sein enger Vertrauter und Privatsekretär Georg Seiring eingesetzt, der nach der Eröffnung zum geschäftsführenden Direktor des Hygienemuseums berufen wurde.

Nach dem Erwerb des Grundstücks entstand zwischen Oktober 1927 und Mai 1930 ein moderner Museumsneubau nach Plänen von Wilhelm Kreis. Der renommierte Architekt war ein Jahr zuvor dem Ruf an die Kunstakademie gefolgt und hatte die Erteilung des Bauauftrags für das neue Museum zur Bedingung für die Annahme gemacht. Für das Gebäude entschied er sich für einen sachlichen Stil, der sich am Neoklassizismus und am Bauhaus orientierte. Die Grundsteinlegung erfolgte im Beisein des Dresdner Oberbürgermeisters Bernhard Blüher am 8. Oktober 1927. Bereits im Folgejahr konnte das Richtfest gefeiert werden. Am 16. Mai 1930 wurde das Museum anlässlich der II. Internationalen Hygieneausstellung feierlich eröffnet.

Die nach streng funktionalen Gesichtspunkten geplante Vierflügelanlage beherbergte neben Ausstellungs-, Werkstatt- und Verwaltungsräumen auch zwei Säle: den großen Kongresssaal und den kleineren Steinsaal. Beide waren für verschiedenartige Veranstaltungen vorgesehen. An den Museumsbetrieb angeschlossen waren eine Bibliothek sowie Werkstätten für die Herstellung anatomischer Anschauungsobjekte. Hier entstanden auch die berühmten Glasmodelle, darunter der "Gläserne Mensch", bei dem Besucher die Funktionsabläufe im Inneren des Körpers erkunden konnten. Für die Innengestaltung des Museums zeichnete der Wiener Architekt und Stadtbaurat Michael verantwortlich. Experten bezeichnen das Hygienemuseum als eine der bedeutendsten architektonischen Schöpfungen dieser Zeit. Das Foto zeigt eine Seitenansicht des Gebäudes mit einem der beiden Rundfenster, das Architektenzeichen von Wilhelm Kreis.

1933 wurde das Deutsche Hygienemuseum in die nationalsozialistische Rassen-Ideologie einbezogen und entsprechend umgestaltet. Im Mittelpunkt stand nun nicht mehr die gesundheitliche Aufklärung, sondern die Erziehung der Bevölkerung gemäß den rassenpolitischen Vorstellungen der Nazis. Zahlreiche progressive Wissenschaftler mussten das Haus verlassen und emigrierten zum Teil ins Ausland. Teile des Gebäudes wurden an staatliche Dienststellen vermietet. Erhalten blieben die Werkstätten, die auch weiterhin Lehrmittel und Exponate für Ausstellungen und Bildungseinrichtungen schufen. Während des Zweiten Weltkriegs beteiligte man sich zudem als Zulieferer für die Rüstungsindustrie.

1945 wurde das Hygienemuseum schwer beschädigt. Der Wiederaufbau erfolgte in mehreren Schritten. Bereits ab März 1946 konnte in einigen notdürftig wiederhergestellten Räumen erstmals eine Schau über die Bekämpfung von Infektionskrankheiten gezeigt werden. Zwei Jahre später nahm auch die Lehrmittelwerkstatt wieder ihre Tätigkeit auf. Später wurden auch die anderen Ausstellungsräume wieder nutzbar gemacht und der Kongress-Saal nach Plänen des Architekten Alexander Künzer neu gestaltet.Am 11. Juni 1958 erfolgte die Übergabe des Saals mit ca. 1100 Plätzen. Neben Kongressen, Tagungen und Konzerten war er bis zur Fertigstellung des Kulturpalastes 1969 auch Heimstatt der Dresdner Philharmonie. Im südwestlichen Flügel des Hygienemuseums hatte bis 1989 das Funkhaus des Senders Dresden von Radio DDR seinen Sitz. Das Museum selbst entwickelte sich zu einer DDR-Leiteinrichtung für Gesundheitserziehung. Hauptanziehungspunkte der Dauerausstellung blieben auch weiterhin anatomische Modelle, medizinhistorische Exponate und die berühmten gläsernen Anschauungsmodelle (Foto: Gläserne Frau (1947) / Bundesarchiv). Vor allem bei Kindern beliebt war die Comicfigur "Kundi", die in Zeichentrickfilmen, Kalendern und Broschüren Hygiene- und Gesundheitsthemen nahebrachte.

Auf den Gelände der früheren Parkanlagen der Palais Prinz Georgs wurde ab 1952 der Heilpflanzengarten angelegt. Mit Hilfe von Trümmerschutt wurde das Grundstück zunächst neu modelliert und umgestaltet. Ein vorhandenes Wasserbecken konnte dabei als Brunnen in die Gestaltung einbezogen werden. Hinzu kamen einige aus dem Park des Marcolinipalais stammende Sandsteinfiguren sowie eine Hygieia-Plastik Karl Albikers, welche ursprünglich ihren Platz im Foyer vor dem Steinsaal hatte. Bis 1958 entstand unter Leitung von Obergärtner Wiesner ein mit über 300 Pflanzenarten ausgestatteter Heilpflanzengarten, welcher der Erholung und Wissensvermittlung der Museumsbesucher dienen sollte. Finanzielle Gründe führten nach 1990 zur Aufgabe des Gartens, woraufhin die Flächen 2000 mit einigen Kunstwerken neu gestaltet wurden.

1991 erhielt das Museum eine neue Konzeption, welche wieder stärker an die Ideen der Gründerjahre anknüpft. Im Mittelpunkt steht die Dauerausstellung "Abenteuer Mensch", die von regelmäßigen Sonderausstellungen um medizinische, soziale und gesellschaftliche Themen flankiert wird. Bis 2010 konnte das Gebäude zudem komplett saniert werden. Bei dieser Umgestaltung ging die für die Nachkriegsarchitektur beispielhafte Innenraumgestaltung des Kongresssaales leider verloren und wurde durch eine komplette Neufassung von Peter Kulka ersetzt, der auch den Umbau des kompletten Gebäudes in Anlehnung an die früheren Ideen von Wilhelm Kreis leitete (Foto rechts: Treppenhaus nach der Sanierung / Jörg Blobelt/Wikipedia). Weitere Ausstellungsstücke befinden sich in einem öffentlich nicht zugänglichen Depot in Radebeul. Hier finden sich neben Exponaten der Gesundheitsaufklärung aus der Frühzeit des Museums auch eine umfangreiche Plakatsammlung sowie zahlreiche Abgüsse von Krankheitsbildern und eine erst 2007 in Finnland wiederentdeckte Moulagensammlung anatomischer Wachsmodelle.

 


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