Das Landgericht Pillnitzer Straße mit seiner angeschlossenen Haftanstalt wurde zwischen 1876 und 1878 errichtet und nahm das gesamte Areal zwischen Pillnitzer, Gerichts- und Mathildenstraße sowie dem Holbeinplatz ein. Das monumentale Gebäude mit Schauseite zur Pillnitzer Straße (ehem. 21, später Nr. 41) entstand nach Plänen des späteren Oberlandbaumeisters Carl Adolph Canzler und war im französischen Neorenaissancestil gestaltet. Der plastische Schmuck an der Fassade stammte von Heinrich Bäumer. Der dreigeschossige Komplex bestand aus vier Flügeln mit architektonischer Betonung des Eckgebäudes zur Gerichtsstraße. An der Pillnitzer Straße gab es einen dreiachsigen Portikus mit drei Rundbogenportalen, Säulen und Kapitellen, bekrönt von einem Giebelaufbau mit einer Darstellung des sächsischen Wappens.

Bis 1907 war das Justizgebäude Sitz des Landgerichts und des Oberlandesgerichts Dresden. Nach Verlegung der Strafkammern zum Neubau am Münchner Platz waren hier nur noch die Zivilkammern des Landgerichts und das Oberlandesgericht untergebracht, ab 1930 auch das Landesarbeitsgericht. Neben dem Gerichtsgebäude gehörte auch die Untersuchungshaftanstalt an der Mathildenstraße dazu. Im Volksmund wurde das offiziell "Dresdner Gefangenenanstalt II" bezeichnete Gefängnis "Mathildenschlösschen" bzw. kurz "Mathilde" genannt. Nach Ende des Ersten Weltkriegs erfolgte die Schließung aus hygienischen Gründen.

Mit Machtübernahme der Nationalsozialisten ließen diese auch das Oberlandesgericht für ihre Ziele einspannen. Fortan fanden hier zahlreiche Prozesse gegen politische Gegner statt. Ab 1940 wurden auch vom Volksgerichtshof abgegebene Verfahren durchgeführt, vor allem Fälle aus dem sogenannten "Protektorat" Böhmen und Mähren. Das frühere Gefängnis Mathildenstraße wurde im April 1933 zur Untersuchungshaftanstalt Dresden II und bis 1945 als "Schutzhaftlager" vor allem für linke Gegner des Regimes, aber auch tschechoslowakische Antifaschisten genutzt. 1933/34 war es Zwischenstation für Gefangene, die von hier aus ins Konzentrationslager Hohnstein deportiert wurden. Danach diente es vorwiegend als Untersuchungsgefängnis. Die Insassen mussten dabei Zwangsarbeit für die anstaltseigene Werkstatt, aber auch für Rüstungsbetriebe der Dresdner Umgebung leisten. So unterhielt u.a. das Elbtalwerk Heidenau zeitweise eine eigene Werkstatt in der "Mathilde".

Zu den hier Inhaftierten gehörten u.a. der spätere Dresdner Oberbürgermeister Walter Weidauer und Georg Schönberger, erster Vorsitzender des Sächsischen Bergsteigerchores. Auch der Schöpfer des Marionettenpaares "Hurvinek & Spejbl" Josef Skupa war 1944/45 bis zu seiner Flucht eingesperrt. Beim Luftangriff am 13./14. Februar 1945 wurden das Gericht und das Gefängnis getroffen, was ca. 700 Gefangenen, unter ihnen Skupa, die Flucht ermöglichte. 30 Inhaftierte starben in den Trümmern.

Fotos: Das Landgericht Pillnitzer Straße vor 1945 mit Gerichtssaal (SLUB / Fotothek)

Nach 1945 erfolgte ein kompletter Abbruch des ehemaligen Justizgebäudes einschließlich der zugehörigen Haftanstalt. An ihrer Stelle entstanden in den 1960er Jahren Wohnhäuser. Seit 1975 erinnert an der an der Ecke Pillnitzer/Gerichtsstraße eine dreikantige Sandsteinstele an das frühere Gefängnis. Das vom Bildhauer Johannes Peschel geschaffene Denkmal zeigt im oberen Teil das Symbol der Internationalen Förderation der Widerstandskämpfer (FIR). Im unteren Teil befindet sich ein zweisprachiges Schriftband aus Beton mit Erläuterungen zum Gefängnis und dem Schicksal der hier inhaftierten Antifaschisten. Die Inschriften in deutscher und tschechischer Sprache lauten:

"An dieser Stelle stand das Gefängnis "Mathildenstraße".
1943 bis 1945 widerstanden hier tausende Deutsche und Tschechoslowaken dem faschistischen Terror."

2009 wurde die Stele zur Rietschelstraße versetzt.

 


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