Pirnaische Straße



Werbeanzeigen von Geschäften vor 1945:

Einladung des Deutschen Reklame-Verbandes zu einem Vortrag im "Palmengarten" 1932

Werbeanzeige der Fabrik Dresdner Bierseidel Lorenz & Co. (Pirnaische Straße 50)


Wohnhäuser vor 1945:

Pirnaische Straße 32
(Ecke Zirkusstraße)

Pirnaische Straße 41

Pirnaische Straße 63

Pirnaische Straße 67

Die Pirnaische Straße bildete bis zum Bau der Grunaer Straße die wichtigste Ausfallstraße der Stadt nach Osten und erhielt ihren Namen, da sie vor dem Pirnaischen Tor lag und in Richtung der Stadt Pirna führte. Zugleich war sie Mittelpunkt der Pirnischen Gemeinde, einer von vier Vorstadtgemeinden. Ab 1703 gab es an der Pirnaischen Gasse den Pirnaischen Schlag, eine Erhebungsstelle für städtische Abgaben. 1721 wurde an dieser Stelle ein Einnehmerhäuschen erbaut, welches bis 1874 in Betrieb blieb. Ab 1840 war offiziell der Name Äußere Pirnaische Gasse üblich, bevor 1859 die Bezeichnung Pirnaische Straße eingeführt wurde. Ursprünglich führte sie durch den Großen Garten und dann als Pirnaische Chaussee über Striesen, Gruna und Seidnitz bis zur heutigen Stadtgrenze. 1903 erhielt ein Teil dieser Straße den Namen Bodenbacher Straße, ihre Verlängerung heißt heute Pirnaer Landstraße.

Von den zahlreichen Wohn- und Geschäftshäusern der Pirnaischen Straße, die zum Teil noch aus dem 18. Jahrhundert stammten, überstand keines den Zweiten Weltkrieg. Nach Abbruch der Ruinen verschwand sogar der Name für Jahrzehnte aus den Stadtplänen. Erst nach dem Bau des Dorint-Hotels und einiger weiterer Gebäude wurde ein Abschnitt wieder hergestellt und Ende der 1990er Jahre neu benannt. Hier hat u.a. die Sächsische Aufbaubank ihren Sitz (Nr. 9).

 

Gebäude in der Pirnaischen Vorstadt:

Nr. 1: Den Auftakt der Bebauung bildete bis 1945 das Wohnhaus Pirnaische Straße 1. Erbauer war der kurfürstliche Hofcondukteur Christian Gottfried Hahmann. Das Gebäude besaß drei Obergeschosse und eine Sieben-Fenster-Front zum Pirnaischen Platz. Bemerkenswert war die im Rokokostil gestaltete Haustür mit einem modellierten Messingfisch als Handgriff. Zeitweise war hier der Salzschank untergebracht. Vor dem Haus stand ursprünglich eine bereits im 19. Jahrhundert beseitigte Postsäule.

Stadt Pirna (Nr. 6): Das im Volksmund auch "Bärnsches Biedchen" genannte kleine Lokal entstand bereits Ende des 19. Jahrhunderts und befand sich 1898 im Besitz von Oscar Johannes Hahnel. Offiziell wurde es Gashaus "Stadt Pirna" bzw. "Pirn´scher Krug" bezeichnet, wobei beide Bezeichnungen Bezug auf den Straßennamen nahmen. In den Zwanziger Jahren machten neue Besitzer die Gastwirtschaft zu einer intimen Weinstube, in der es gelegentlich auch musikalische Aufführungen gab. Zuletzt firmierte das Haus bis zur Zerstörung als Hotel Otto Trautmann.

Nr. 7 / 9: Von den folgenden Bauten waren auch die nach der Zerstörung der Vorstadt im Siebenjährigen Krieg errichteten Häuser Nr. 7 und 9 mit zwei Obergeschossen und einer schlichten Barockfassade architektonisch bedeutsam. Beide entstanden 1777. Noch älter war das um 1742 gebaute Wohnhaus Nr. 11. Ebenfalls aus dem 18. Jahrhundert stammten die Häuser Nr. 21 und 23. Beide besaßen geschnitzte Haustüren im Rokokostil und Bronzebeschlägen.

Nr. 10 (Posthaus): Zu den bedeutendsten Bauten der Straße gehörte das frühere "Posthaus". Der dreigeschossige Barockbau mit elf Fenstern Front entstand 1712 und wurde 1739 von Johann George Schmidt erweitert. Ursprünglich war es Sitz des Hofpostamtes und der Zeitungsexpedition. Im hinteren Teil des Grundstücks war der über ein breites Tor erreichbare Poststall für die Postpferde untergebracht. An diese Nutzung erinnerten zwei Posthörner aus Messing, die als Türklopfer fungierten und zwei Kartuschen im Giebelfeld.

Mit Verlegung des Hofpostamtes wurde das Gebäude entbehrlich und am 31. Dezember 1832 versteigert. Später diente als Wohnhaus, im Erdgeschoss befand sich um 1920 die Weinstube "Zum Jägerstübchen" sowie eine Likörfabrik, 1927 die Fabrik für Beleuchtungsgegenstände Carl Günther & Co.

Nr. 16 (Ernemann-Werkstatt): In diesem Eckhaus zur Katechetenstraße befand sich Ende des 19. Jahrhunderts die Werkstatt des Kamerabauers Heinrich Ernemann. Der technisch interessierte Ernemann, der aus einfachen Verhältnissen stammte, besaß zunächst ein Strumpf- und Weißwarengeschäft und gründete am 16. November 1889 auf der Güterbahnhofstraße 10 gemeinsam mit dem Tischlermeister Matthias die "Dresdener photographische Apparate-Fabrik Ernemann & Matthias". Nach der Trennung von seinem Kompagnon 1891 verlegte er seine Firma zur Pirnaischen Straße 16, später zur Kaulbachstraße 13. 1896 erwarb Ernemann das Grundstück Schandauer Straße 48 und ließ dort moderne Produktionsgebäude errichten.

Kunstschmiede Max Großmann (Nr. 17): Das Unternehmen wurde 1898 von Max Großmann gegründet und gehörte zu den zahlreichen Handwerksbetrieben, die einst in der Pirnaischen Vorstadt existierten. Großmann betrieb hier eine Kunsttischlerei und Kunstschlosserei, spezialisierte sich jedoch später auf Schmiedearbeiten und den Leichtmetallbau. Gefertigt wurden u.a. Lampen, Treppengeländer, Fenstergitter und ähnliche Metallgegenstände. Aus Platzgründen verlegte man den Firmensitz später zur Rosenstraße 98. Von Großmann stammen zahlreiche Kunstschmiedearbeiten an bekannten Gebäuden der Stadt, so am Ständehaus an der Brühlschen Terrasse, der Versöhnungskirche in Striesen und am Krematorium in Tolkewitz. 1965 übernahm Großmanns Tochter die Schmiede und führte den privaten Handwerksbetrieb ab 1965 auf der Hoyerswerdaer Straße, später auf der Goetheallee weiter. Seit 1998 hat die Firma wieder ihren Sitz auf der Rosenstraße.

Gäbles Puppentheater (Nr. 18): Bis zur Zerstörung 1945 lebte in diesem Haus der als "Zookasper" bekannte Puppenspieler Egon Gäble (1905-1967). Gäble übernahm 1931 das Puppentheater des Dresdner Zoos und schrieb dafür auch die Stücke, die er mit selbst hergestellten Handpuppen und Kulissen auf die Bühne brachte. Einige davon wurden unter dem Namen "Lustige Theaterstücke für das Kasperl-Theater" vom Verlag von Hausser aus Neustadt bei Coburg veröffentlicht. Gelegentlich fanden auch Vorstellungen in seiner Wohnung auf der Pirnaischen Straße statt.

Beim Bombenangriff wurden 1945 sowohl Gäbles Wohnung als auch sein Puppentheater im Zoo zerstört. Danach trat er zunächst mit einer mobilen Bühne auf, gelegentlich auch in Ballsälen und Betrieben der Dresdner Umgebung. In den 1950er Jahren wurde sein Zoo-Puppentheater wieder aufgebaut, an dem er bis zu seinem Tod 1967 aktiv war. Zuletzt lebte Egon Gäble auf der Wachsbleichstraße 8c. Sein Grab auf dem Matthäusfriedhof ist heute nicht mehr vorhanden. Das Foto zeigt den Puppenspieler im Kreise seiner Familie vor der Ruine des Hauses 1951 (Foto: Stadtwiki Dresden).

Nr. 19: Hier befand sich ab 1888 die vom Mechaniker Friedrich Adolf Richard Gäbel (1866-1939) gegründete Maschinenfabrik Richard Gäbel. Das aus einer einfachen Werkstatt hervorgegangene Unternehmen stellte Spezialmaschinen für die Papierwaren- und Verpackungsindustrie her und beschäftigte schon vor dem Ersten Weltkrieg 60 Angestellte. 1924 verlegte Gäbel den Firmensitz in die Gebäude der ehemaligen Ziegelei Mockritz an der Josefstraße 39.

Palmengarten (Nr. 29): Das Lokal an der Äußeren Pirnaischen Gasse (später Pirnaische Straße 16 bzw. 29) / Ecke Neue Gasse entstand aus einem bereits 1740 erwähnten vorstädtischen Gasthof "Zum rothen Hirsch". Im 19. Jahrhundert wechselte der Name zunächst in Thiemes Hotel bzw. Brauns Hotel und war als Vergnügungsort mit regelmäßigen Konzerten und Bällen beliebt. Besitzer war 1873 der Gastwirt F. W. Braun. Unter neuen Eigentümern änderte man den Namen zunächst in "Musen-Haus Dresden", nach der Jahrhundertwende in Hotel Palmengarten. Zu dieser Zeit gehörte das Konzert- und Vergnügungs-Etablissement dem Königlichen Hoflieferanten und Hoftraiteur Max Strohbach. 1926 warb der Wirt mit "preiswertem Mittagstisch, Vereinszimmern und Sälen für Kongresse, Hochzeiten usw.". Zugleich bewirtschaftete Strohbach die Gesellschaftsräume im Haus der Dresdner Kaufmannschaft auf der Ostra-Allee 9. Gern besucht wurde der "Palmengarten" auch von den Besuchern des nahen Ausstellungsgeländes.

1931/32 befand sich im Haus die Geschäftsstelle der Zionistischen Ortsgruppe und eines Vereins für Geldsammlung für Landerwerb in Palästina, die ihr Büro auf der Seestraße, später auf der Grunaer Straße hatte. Ziel war die Förderung des jüdischen Lebens und die Unterstützung einer geplanten Auswanderung nach Israel. Zweiter Vorsitzender des Vereins war der Bruder des Zwickauer Kaufhausbesitzers Schocken. Zugleich gab es hier eine Verkaufsstelle für koscheres Fleisch. 1945 fiel der Palmengarten mit dem ganzen Stadtviertel den Bomben zum Opfer.

Weitere Gaststätten: Weitere kleinere Lokale existierten auf der Pirnaischen Straße u.a. im Haus Nr. 24 (Fellers Restaurant, später "Weesensteiner Hof"), im bereits um 1780 entstandenen Haus Nr. 39 ("Zum lustigen Zecher" - Foto) und in der Nr. 44 ("Restaurant zum Königstein"). Eine weitere Weinstube gab es mit dem "Winzereck" in der Nr. 52. Zeitweise wurde diese Gaststätte auch "Stadt Cottbus" genannt.

Nr. 41: Dieses Gebäude bewegte sich noch ganz in den Formen der älteren Dresdner Architektur und stammte aus dem Jahr 1795. Das Haus mit zwei Obergeschossen besaß eine einfach gestaltete Fassade mit umrahmten Fenstern und einem Mittelrisalit mit Gesimsen über dem Hauptgeschoss. Mit seiner Form blieb es bis zur Zerstörung ein typisches Beispiel der vorstädtischen Bebauung in diesem Viertel. Neben Wohnungen gab es hier um 1900 auch eine Buchdruckerei.

Nr. 50: Etwas jüngeren Datums war der viergeschossige Bau Pirnaische Straße 50 mit einer Fassade von acht Fensterfronten und einem Mittelrisalit mit flachem Giebelaufbau. Hier führte auch ein Tor in den hinteren Teil des Grundstücks. Das Gebäude entstand Anfang des 19. Jahrhunderts in klassizistischer Formensprache. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte hier die Fabrik Dresdner Bierseidel Lorenz & Co. ihre Geschäftsräume.

Puppenfabrik Carl Horn Nachf. (Nr. 58): Das Unternehmen wurde 1906 von Carl Horn in Dresden gegründet und war auf die Herstellung von Miniatur-Biskuitpuppen spezialisiert. Die in verschiedenen Größen gefertigten Puppen waren in zahlreichen Varianten erhältlich und trugen u.a. gehäkelte Nationaltrachten, Badeanzüge, Arbeitskleidung bzw. wurden als Hochzeitspaar, Vater, Mutter und Kinder gestaltet. Hinzu kamen Sonderanfertigungen wie Weihnachtsmänner, Soldaten und Liliput-Tiere.

Nr. 69 (Firma Energos): Dieses Gebäude an der Ecke zur Albrechtstraße bildete den Abschluss der geschlossenen Bebauung der Pirnaischen Straße. Hier hatte um 1900 die Firma Energos ihren Sitz. Das Unternehmen warb in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften dieser Zeit für Produkte, die das Haarwachstum anregen, vorzeitiges Ergrauen verhindern und den Bart in Form bringen sollten. "Energos"-Kämme, -Bürsten und -Bartbinden sollten mit rein natürlichen Methoden - ohne Färbemittel - den gewünschten Erfolg bringen und waren durch Reichspatente geschützt. Verkauft wurden die nach eigenen Angaben von Medizinern empfohlenen Produkte auch im Ausland, so in Österreich, Rußland und der Schweiz.

 

 

Der abschließende Teil der Pirnaischen Straße bis zur Lennestraße war auf der rechten Straßenseite durch Grünflächen geprägt, die regelmäßig als Ausstellunggelände der Dresdner Jahresschauen und anderer Ausstellungen genutzt wurden. Gegenüber standen einige Villen, die sämtlich dem Luftangriff zum Opfer fielen. Heute ist das Areal als "Cockerwiese" bekannt.

 

Foto rechts: Villa Pirnaische Straße 73


[Home] [Nord] [Nordwest] [Neustadt] [Nordost] [West] [Zentrum] [Südwest] [Süd] [Südost] [Ost] [Register] [Kontakt] [Impressum]