St. Petersburger Straße


Die heutige St. Petersburger Straße ist Teil der Bundesstraße 170 und der wichtigen Nord-Süd-Verkehrsverbindung und entstand in jetziger Form erst nach 1945. In ihr gingen die frühere Christianstraße, Teile des Georgplatzes, die Johannesstraße und die Amalienstraße auf. Sie ist ca. 1,6 Kilometer lang und bildet zwischen Rathenauplatz und Georgplatz zugleich die Grenze zwischen der Pirnaischen Vorstadt und der Inneren Altstadt. Der südlich des Georgplatzes gelegene Abschnitt gehört zur Seevorstadt.

Foto: Haltestelle Walpurgisstraße (1969) - SLUB/Fotothek, Richard Peter sen.


Der südliche Abschnitt zwischen Hauptbahnhof und Georgplatz entspricht ungefähr dem Verlauf der Christianstraße. Diese wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Erschließung des Villenviertels der Seevorstadt angelegt und 1858 in Erinnerung an den sächsischen Kurfürsten Friedrich Christian (1722-1763) benannt. Hier standen hauptsächlich Villen, die 1945 sämtlich den Bomben zum Opfer fielen. Damals führte die Straße jedoch nicht durch, sondern begann an der Sidonienstraße und endete bereits an der heute nicht mehr vorhandenen Ferdinandstraße.

Nördlich des Georgplatzes folgt die St. Petersburger Straße dem östlichen Stadtring. Vor 1945 wurde dieser bis zum Pirnaischen Platz als Johannesstraße bezeichnet (Foto links). Ursprünglich trug diese den Namen Am Festungsgraben vor dem Pirnaischen Thore, bevor 1815 die Namensgebung Johannisgasse eingeführt wurde. Grund dieser Benennung war der hier gelegene Johannisfriedhof. Nach dessen Auflösung und Verlegung wechselte die Bezeichnung 1862 zunächst in Johannisstraße, 1872 in veränderter Schreibweise in Johannesstraße. Nach Überqueren des Pirnaischen Platzes änderte sich der Straßenname in Amalienstraße (Foto rechts). 1840 hatte man diesen Teil des ehemaligen Weges am Festungsgraben zu Ehren der Gemahlin König Johanns, Königin Amalie Auguste (1801-1877) benannt. Auch nach der Zerstörung fast aller Gebäude 1945 behielten die Straßen zunächst ihre Namen.

Erste Pläne zum Ausbau eines leistungsstarken Verkehrszuges vom Hauptbahnhof in Richtung Innenstadt gab es bereits in den 1930er Jahren. Unter Leitung des Stadtbaurates Paul Wolf sollte 1938 der bestehende Stadtring erweitert und Teil einer neuen Nord-Süd-Verbindung werden, um so den Verkehr aus der Innenstadt zu verlagern. Vorgesehen war zudem ein Aufmarschplatz für Großveranstaltungen vor dem Rathaus. Kriegsbedingt kamen diese Entwürfe jedoch nie zur Realisierung.

In den 1950er Jahren wurden diese Ideen wieder aufgegriffen. 1952 startete die Stadt Dresden einen Wettbewerb zur Neugestaltung des weitgehend zerstörten Stadtviertels. Der Siegerentwurf von Wolfgang Rauda sah eine breite Prachtstraße mit bepflanztem Mittelstreifen und einem großen Versammlungsplatz am Pirnaischen Platz vor. Zu beiden Seiten waren große Häuserblocks vorgesehen. Da die finanziellen Mittel und Baukapazitäten jedoch nicht ausreichten und man sich stattdessen auf den Wiederaufbau des Altmarktes und der Ernst-Thälmann-Straße (Wilsdruffer Straße) konzentrierte, verschwanden die Planungen wieder in der Schublade.

Erst Mitte der 1960er Jahre wurde dieser Verkehrszug völlig neu trassiert. Nach der Fertigstellung als vierspurige Hauptverkehrsstraße mit geteilter Fahrbahn und einem mit vier Baumreihen bepflanztem Mittelstreifen war diese vom Hauptbahnhof bis zur Carolabrücke durchgängig befahrbar (Foto: SLUB/Fotothek, Richard Peter sen.). Im Zuge der Umgestaltung der Prager Straße zur Fußgängerzone nahm sie den gesamten Verkehr auf dieser Achse auf. Für die Straßenbahn entstand eine seitlich gelegene separate Gleistrasse. Aus Anlass des 100. Geburtstages Wladimir Iljitsch Lenins und zur Würdigung des bestehenden Städtepartnerschaftsvertrages wurden Christian-, Johannes- und Amalienstraße am 22. April 1970 in Leningrader Straße umbenannt. Zu dieser Zeit waren hier bereits einige Neubauten fertiggestellt worden, darunter drei Studentenwohnheime und eine langgestreckte Hochhauszeile zwischen Grunaer und Pillnitzer Straße.

Mit den politischen Veränderungen nach 1989 und der Rückbenennung der Stadt Leningrad in St. Petersburg entschied sich der Dresdner Stadtrat im Oktober 1991, die Leningrader Straße in St. Petersburger Straße umzubenennen.

 

Einzelne Gebäude:

Nr. 1-5 (Carolinum): Die Gebäude an der Ostseite der St. Petersburger Straße entstanden 1969 zwischen Pillnitzer und Grunaer Straße an Stelle der zerstörten Vorkriegsbebauung. Dabei verschwanden auch die bis 1945 von der Amalienstraße abzweigende Serrestraße und die Drehgasse. Die in Plattenbauweise errichteten Wohnblocks besitzen acht Stockwerke und wurden nach 1990 saniert (Foto: Wohnzeile (1970) SLUB/Fotothek, Gerhard Döring). Heute werden sie unter dem Namen "Carolinum" vermietet. Abschluss dieser Bebauung bildet das Hochhaus Grunaer Straße 5 am Pirnaischen Platz.

Reichsbank (Nr. 2): Das Gebäude am Rathenauplatz entstand zwischen 1928 und 1930 nach Plänen des damaligen Reichsbank-Baudirektors Heinrich Wolff und beherbergte bis 1945 die Dresdner Niederlassung der Deutschen Reichsbank. Die Zweiflügelanlage mit Eckbau zum Rathenauplatz erhielt eine mit Muschelkalk verkleidete Fassade und bildete zugleich den Abschluss der historischen Altstadt. Der im Stil der Neuen Sachlichkeit gestaltete Bau überstand als eines der wenigen Gebäude der Innenstadt zum Teil die Luftangriffe, lediglich der Hauptflügel mit seinem zweigeschossigen Saal wurde zerstört. Nach 1945 erfolgte der Wiederaufbau als Bürogebäude, 1997 ergänzt um einen Neubau an Stelle des zerstörten Hauptflügels. Zunächst nutzte bis 2002 die gemeinsame Landeszentralbank Sachsen und Thüringen das Haus. Danach befand sich hier bis Ende März 2015 eine Filiale der Deutschen Bundesbank. Seit 2018 wird das Gebäude als Bürohaus von verschiedenen Firmen genutzt (Foto rechts).

Robotron-Gebäude (Nr. 9): Das heute als Bürohaus Pirnaisches Tor bezeichnete Gebäude (Grunaer Straße 2 / St. Petersburger Straße 9) wurde Anfang der 1970er Jahre als Verwaltungsgebäude des Kombinates Robotron gebaut. Die Planungen stammen von den Architekten Axel Magdeburg und Werner Schmidt. Das Bürohaus, ein langgestreckter sechsgeschossiger Stahlbetonskelettbau, erhielt eine vorgehängte blaue Aluminium-Glas-Fassade und wurde von Friedrich Kracht und Siegfried Schade mit verschiedenen Betonelementen künstlerisch gestaltet. Auf der Grünfläche am Pirnaischen Platz befindet sich der 1974 von Leoni Wirth, Helmut Kappel und Karl Bergmann gestaltete Glasbrunnen. Bis 1990 waren hier Büros, Verwaltungs- und Forschungsräume untergebracht. Heute dient der Komplex als Bürohaus.

Auch die angrenzenden Flächen zwischen Lingnerallee und Georgplatz wurden mit Neubauten für das Kombinat besetzt. Hier war u.a. das Robotron-Rechenzentrum untergebracht. Der nach Auflösung des Kombinates 1990 als Bürohaus Zinzendorfstraße bezeichnete Gebäudekomplex wurde 2016 abgerissen. Auf dem Areal soll künftig die "Lingnerstadt" mit hochwertigen Wohn- und Geschäftshäusern entstehen.

Nr. 12-14: Die Gebäude an der Ecke zwischen Ferdinandplatz und Leningrader entstanden Ende der 1980er in Plattenbauweise, erhielten jedoch eine aufwendigere Fassadengestaltung mit Balkonen und Erkern. Im Erdgeschoss befinden sich Räume für Läden und Gaststätten.

Studentenwohnheime (Nr. 21, 25 und 29): Zwischen 1960 und 1963 wurden auf der Ostseite des neuen Verkehrszuges drei Punkthochhäuser errichtet, die bis heute als Studentenwohnheime dienen. Ursprünglich hatten die Planungen hier geschlossene Bebauung vorgesehen. Die Entwürfe für die drei baugleichen Häuser mit jeweils 10 Etagen stammen von den Architekten Heinrich Rettig, Manfred Gruber und Rolf Ermisch. Über den mit Gemeinschaftswaschräumen und -küchen ausgestatteten Wohnetagen erhielten die Gebäude Dachterrassen und Klubräume, die u.a. bis 2001 vom Studentenclub "Aquarium" (Nr. 21) genutzt wurden. Außerdem gab es in einem Anbau eine Krankenstation. Pro Hochhaus waren Plätze für 320 Studenten vorgesehen, die meist in Zweibettzimmern untergebracht waren. Die offizielle Übergabe erfolgte am 28. Februar 1963. Die zu den ersten in industrieller Großplattenbauweise errichteten Gebäude in Dresden gehörenden Bauten stehen seit 1999 unter Denkmalschutz (Foto um 1970 - SLUB/Fotothek, Richard Peter sen.). 2001 wurden sie unter Leitung der Architektengemeinschaft Ulf Zimmermann saniert. Dafür verlieh die Stadt Dresden den "Bauherrenpreis 2001" und den "Erlwein-Preis".

Zwischen den Wohnheimen befinden sich Grünflächen, deren differenzierende Gestaltung ebenfalls aus den 1960er Jahren stammt. Vor dem Hochhaus Nr. 25 fand 1963 die Bronzeplastik "Zwei Frauen" von Wieland Förster Aufstellung.

UFA-Kristallpalast (Nr. 24): Der ungewöhnliche Kinobau entstand 1996/97 auf einer Fläche zwischen St. Petersburger und Prager Straße als Ergänzung des "Rundkinos". Der Entwurf für den Stahl-Glas-Bau mit einer mit Lochplatten verkleideten Sichtbetonfassade zur St. Petersburger Straße stammt vom Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au unter Leitung von Wolf D. Prix. Die Rückseite zur Prager Straße besteht aus einer schrägen und mehrfach verwinkelten Glasgestaltung und soll an einen funkelnden Diamanten erinnern. Architektonisch wird diese Art der Gestaltung Dekonstruktivismus genannt und gab dem Haus seinen Namen "Kristallpalast". Im Inneren befinden sich acht Multiplex-Kinosäle mit insgesamt 2.668 Plätzen. Betreiber des am 26. März 1998 eröffneten Kinos ist die UFA Theater AG (Foto: Wikipedia / Kolossos).

Nr. 26-32 (Prager Zeile): Als "Prager Zeile" wird heute der langgestreckte Wohnriegel zwischen St. Petersburger und Prager Straße bezeichnet. Das architektonisch bemerkenswerte Gebäude mit 240 Metern Länge entstand im Zuge der Neugestaltung der Prager Straße, ist jedoch postalisch der St. Petersburger Straße zugeordnet. Die Erdgeschosszone wird überwiegend durch verschiedene Ladengeschäfte genutzt, in den oberen Etagen befinden sich Wohnungen. In einer dieser Wohnungen verbrachte der Schauspieler Jan Josef Liefers seine Kindheit. Zum Zeitpunkt der Erbauung galt es als "größtes Wohngebäude der DDR" und orientierte sich an Ideen des französischen Architekten Le Corbusier.

2006 war die "Prager Zeile" Ort des spektakulären Kunstprojekts "Hochhaussinfonie". Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 800-jährigen Dresdner Stadtjubiläum wurde an der Fassade zur Prager Straße der Stummfilm "Panzerkreuzer Potemkin" gezeigt und gemeinsam von den Dresdner Sinfonikern und der britischen Band Pet Shop Boys musikalisch vertont, die dabei von den Balkonen des Hauses spielten.

Abgeschlossen wird die Bebauung der St. Petersburger Straße mit dem "Hotel Newa" (heute Pullman Dresden Newa) mit 15 Etagen und vorgelagertem Restaurantkomplex. Im Anschluss entstand 2006 am Wiener Platz die "Prager Spitze", ein modernes Geschäftshaus mit Glasfassade und mehreren Läden sowie einem Durchgang zur Prager Straße.


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