Zinzendorfstraße



Ehemalige Gebäude:

Wohnhaus Nr. 11
(ehem. Bayrische Gesandtschaft)

Nr. 15 (Städtische Höhere Töchterschule)

Wohnhaus Nr. 30

Nr. 53 Gaststätte
"Zum Brunnen"


Werbeanzeigen vor 1945:

Grand Hotel Hospiz
(Zinzendorfstraße 17)

Firma Pumpen-Ludewig
(Zinzendorfstraße 20)

Strohhut- und Filzhutfabrik H. Hensel
(Zinzendorfstraße 51)

Die Zinzendorfstraße war ursprünglich ein Teil der vor 1945 von der Bürgerwiese bis zur Pillnitzer Straße durchführenden Neuen Gasse. Seit dem 17. Jahrhundert wurde diese Straße wegen ihre Länge Lange Gasse bzw. Lange Neugasse genannt. Erst im 19. Jahrhundert erfolgte eine offizielle Teilung der beiden Straßenabschnitte in Lange Gasse und Neue Gasse, wobei erstere den südlichen Abschnitt bis zur Pirnaischen Straße umfasste. Ab 1863 wurde dieser amtlich Lange Straße genannt. Zu ihren Bewohnern gehörten der Architekt und Gartenbauinspektor Johann August Giesel (1751-1822) (Nr. 302) und der Maler Johann Christian Klengel (1751-1824) (Nr. 310).

Da die Familie Zinzendorf an dieser Straße einst ein Sommergrundstück besaß, erfolgte 1892 die Umbenennung in Zinzendorfstraße. Mit der Namensgebung sollte zugleich an den sächsischen Adligen Nikolaus Ludwig Reichsgraf von Zinzendorf und Pottendorf (1700-1760) erinnert werden. Zinzendorf besaß in der Lausitz ein Rittergut. Bekannt wurde er als Missionar und Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine, einer protestantischen Glaubensgemeinschaft.

Bis 1945 prägten überwiegend Gründerzeitwohnhäuser das Straßenbild. An der Ostseite befand sich der Haupteingang zur Sekundogenitur. Das Gebäude (Nr. 4) diente ab 1781 als Wohnsitz des zweitgeborenen Prinzen der sächsischen Kurfürsten und war von einer großzügigen Parkanlage umgeben. Der Eingang (Bild rechts) wurde von zwei Torhäuschen flankiert, in denen die Schlosswache untergebracht war. Erster Bewohner war der spätere König Anton. Später lebten hier u.a. Prinz Max, Prinz Johann, Prinz Georg und zuletzt bis 1927 Prinz Johann Georg.

Neben gutbürgerlichen Wohnungen gab es auf der Zinzendorfstraße auch einige Gewerbebetriebe, kleinere Läden und Gaststätten. Erwähnt werden sollen u.a. die Alexander-Drogerie (Nr. 20), die "Spezial-, Buch- und Papierhandlung Th. Ruprecht (Nr. 33), die Blattgold-Fabrik Joh. Moritz Müller (Nr. 35) und die Stroh- und Filzhutfabrik Hensel, die sich vor 1918 stolz Königlich-sächsischer Hoflieferant nennen durfte. Im Haus Nr. 14 befand sich 1914 die Dresdner Geschäftsstelle des Landesvereins vom Roten Kreuz, in der Nr. 13 die Bayrische Gesandtschaft.

 

Einzelne Gebäude:

Nr. 2 (Hans-Schemm-Haus): Auftakt zur Zinzendorfstraße bildete an der Ecke zur Bürgerwiese bis zur Zerstörung 1945 das Geschäftshaus Nr. 2, an dessen Stelle heute eine Kindertagesstätte der Erziehungshilfe steht. Ursprünglich wurde der repräsentative Neorenaissancebau mit seinem Eckturm "Palais Dresdensia" genant. Im Erdgeschoss befand sich um 1900 ein gleichnamiges Weinrestaurant, welches auch Gesellschaftslokal des "Dresdner Klubs" war. Neben den Restaurationsräumen gab es ein Spielzimmer für Billard und im ersten Obergeschoss weitere Säle sowie ein Café.

1933 wurde dieses Haus Sitz der Dresdner Geschäftsstelle des nationalsozialistischen Lehrerbundes und der Abteilung Erziehung und Unterricht der Gauleitung Sachsen. Nach dem Tod des NSDAP-Gauleiters der Bayerischen Ostmark Hans Schemm (1891- 1935) erhielt das Gebäude offiziell den Namen "Hans-Schemm-Haus". Schemm war zugleich Reichswalter des Nationalsozialistischen Lehrerbundes und kam 1935 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. In der Folge wurde er in ganz Deutschland vielfach Namensgeber von Schulen, Straßen und öffentlichen Gebäuden.

Nr. 2a (Galerie Neue Kunst Fides): Im zweiten Obergeschoss des Nachbargebäudes 2a wohnte 1904/05 der sächsische Politiker Viktor Alexander von Otto (1852-1912). Der studierte Jurist kam 1879 als Assessor zum Amtsgericht Dresden und übte fortan verschiedene Funktionen im sächsischen Justizdienst aus. Im Februar 1902 übernahm er die Leitung des Justizministeriums. Am 1. Dezember 1910 wurde er zugleich zum Leiter des Finanzministeriums und des Gesamtministeriums ernannt, was dem Rang eines sächsischen Ministerpräsidenten entsprach. Zuletzt lebte er bis zu seinem Tod ganz in der Nähe (Bürgerwiese 25).

Nach dem Ersten Weltkrieg bezog die von Rudolf Probst gegründete Galerie "Neue Kunst Fides" einige Räume im Haus. Diese widmete sich vorrangig der Präsentation von Werken des Expressionismus und der abstrakten Malerei. Zu den bekannten Künstlern, die hier ausstellten, gehörten u.a. Emil Nolde, Lyonel Feininger, Paul Klee und Wassily Kandinsky. Auch Bilder von Otto Dix, Max Beckmann, Oskar Kokoschka und anderer in Dresden wirkender Künstler wurden hier gezeigt. Rudolf Probst hatte die Galerie zusammen mit den beiden ehemaligen Offizieren Rolf von Seydewitz und Eberhard von Haugk gegründet und betrieb diese als Zweigfirma der "Fides Verwaltungs- und Vermittlungsgesellschaft m.b.H.". Die Eröffnung erfolgte im Juni 1923. Im September 1924 wurde an der Viktoriastraße 24 zusätzlich ein "Kabinett für moderne Wohnkultur" eröffnet. Aus Platzgründen verlegte Probst seine Galerie Ende Februar 1926 in neue größere Räume an der Struvestraße 6, wo sie bis zur zwangsweisen Auflösung 1933 existierte (Foto: 1926 - Wikipedia).

Nr. 10: Wie in vielen Straßen der Pirnaischen Vorstadt gab es auch auf der Zinzendorfstraße eine Reihe kleinerer Gastwirtschaften. Im Haus Nr. 10 befand sich um 1920 die Schankwirtschaft "Zum kleinen Keglerheim" von Ida Vogt. Später nannte der neue Besitzer das Lokal "Kleines Keglerhaus". Eine weitere bereits vor dem Ersten Weltkrieg erwähnte Gaststätte befand sich mit der "Zinzendorfschenke" in der Nr. 25. Nr. 53 war die Adresse der ehemaligen "Paulschen Schankwirtschaft", später "Zum Brunnen" genannt.

Palais Lüttichau (Nr. 11): Das Gebäude entstand 1830 nach Plänen von Joseph Thürmer und gehörte bis zu seiner Zerstörung 1945 zu den wenigen klassizistischen Wohnbauten in Dresden. Das Haus besaß neben dem Erd- noch ein Mezzaningeschoss und zwei eingeschossige verglaste Seitenflügel. Architektonisch galt es als bedeutendster spätklassizistischer Privatbau der Stadt und orientierte sich an Vorbildern aus Braunschweig und Karlsruhe. Bauherren waren Wolf Adolf August von Lüttichau (1785-1863), Generalintendant des Dresdner Hoftheaters und seine Frau Ida, die als wichtige Persönlichkeiten der Kunstförderung in die Geschichte eingingen.

Ab 1906 besaß der Fotograf Hugo Erfurth (1874-1948) das Palais. Erfurth hatte ab 1895 seine Ausbildung vom Hofphotographen Wilhelm Höffert erhalten und führte schon mit 22 Jahren in der Johannstadt sein erstes Atelier. Nach dem Umzug der Lichtbildnerei zur Zinzendorfstraße 11 wurde er zu einem der bedeutendsten Porträtfotografen seiner Zeit. Außerdem galt er als Förderer junger Künstler und richtete 1922 in seinem Haus die Kunsthandlung "Graphisches Kabinett Hugo Erfurth" ein. Ausstellungen fanden hier u.a. mit Bildern von Oskar Kokoschka, Emil Nolde, Paul Klee und Wassily Kandinsky statt. 1934 übersiedelte Erfurth nach Köln. 1945 wurde das Palais Lüttichau zerstört.

Nr. 15: Das villenartige Wohnhaus entstand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter der damaligen Anschrift Lange Gasse 30. Zu den ersten Bewohnern gehörte der Bildhauer Ernst Rietschel, der hier von 1840 bis 1847 wohnte. Rietschel ließ an der Fassade sechs Porträtrelief bedeutender Bildhauer anbringen. Weitere Künstler, die einst in diesem Haus wohnten, waren Julius Hübner, Eduard Bendemann und Hugo Bürkner. Ende des 19. Jahrhunderts zog hier die Altstädter Höhere Töchterschule ein, für deren von Erlwein realisierten Neubau 1910 das Haus abgerissen wurde.

Hospiz (Nr. 17): Das vom christlichen Verein Innere Mission betriebene Grand Hotel Hospiz enstand 1894-96 auf dem Grundstück Zinzendorfstraße 17-21 und wurde nach Plänen von Richard Schleinitz errichtet. Bis zur Zerstörung 1945 gehörte der vierstöckige Dreiflügelbau zu den renommiertesten Dresdner Hotels und bot seinen betuchten Gästen höchsten Komfort. Um 1900 betrug der Zimmerpreis bis zu sechs Mark pro Nacht.

Neben den Hotelzimmern gab es einen großen Fest- und Konzertsaal, der regelmäßig auch von Dresdner Vereinen genutzt wurde. So fanden hier ab Herbst 1896 u.a. die Konzerte des Dresdner Mozart-Vereins statt. Der Festsaal mit 1.358 Plätzen besaß eine 1897 von der Firma Jehmlich gebaute Konzertorgel mit 54 Registern und ein bis zu 300 Personen fassendes Podium für Chöre und Orchester. Neben öffentlichen Konzerten und Kongressen gab es hier auch, der christlichen Ausrichtung des Hauses entsprechend, tägliche Andachten. Eher "weltliche" Vergnügungen wie Kartenspiel oder Billard waren im Haus jedoch unerwünscht. Allerdings existierte im Hospiz von 1903 bis 1926 ein Kino (Arrangement-Kosmographia). In einem Seitenflügel (Nr. 19) betrieb die Stadtmission eine christliche Buchhandlung.

Nr. 29: In diesem Haus (damals Lange Straße 29) lebte viele Jahre der sächsische Innenminister Hermann von Nostitz-Wallwitz (1826-1906). Nach seinem Jurastudium in Leipzig war er ab 1851 in verschiedenen Staatsämtern in Sachsen tätig, u.a. von 1857 bis 1862 als Amtshauptmann in Löbau und dann als Kreisdirektor in Bautzen. 1866 wurde er von König Johann zum Minister des Innern berufen. Als Innenminister erwarb er sich durch seine Mitarbeit an der Allgemeinen Städteordnung große Verdienste. Ab 1874 gehörte Nostitz-Wallwitz dem deutschen Reichstag an und blieb bis zu seiner Pensionierung 1891 im Staatsdienst. Am 31. Mai 1882 bekam er die Ehrenbürgerschaft der Stadt Dresden verliehen.

Das Grundstück wurde 1893 an das bekannte Verlagshaus Meinhold & Söhne verkauft, die hier unter Einbeziehung der beiden Nachbargrundstücke Nr. 27 und 31 ein ihr bis 1945 existierendes Stammhaus errichteten.

Skells Seeaquarium (Nr. 34): Das Wohn- und Geschäftshaus befand sich um 1900 im Besitz des Klempnermeisters Anton Skell, der hier seine Werkstatt betrieb. Skell war ein begeisterter Freund der Aquaristik und gehörte 1900 zu den Gründungsmitgliedern des Aquarienfreundevereins "Wasserrose". Im Hintergebäude richtete er in einem kleinen Flachbau mit Oberlichtfenstern das "I. Dresdner Seeaquarium" ein, welches schon bald zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt gehörte. Ab 1903 war die Meereskundeschau öffentlich zugänglich. Insgesamt gab es hier 17 Wasserbecken, von denen das größte 175 Liter fasste. Der ganze Raum war in Form einer Felsgrotte gestaltet und vermittelte durch geschickte Beleuchtung den Eindruck, sich auf dem Meeresgrund zu befinden. Die Belüftung der Becken übernahm eine auf dem Dachboden des Hauses befindliche zentrale Pumpenanlage.

Den Interessen Skells entsprechend, waren hier vor allem Hohltiere wie Seeanemonen und Seenelken, verschiedene Korallen, Purpurschnecken und Muscheln zu sehen. Hinzu kamen Austern, mehrere Krebsarten, Seeigel und Seesterne. Außerdem gab es Knochenfische und andere Seefischarten und als besondere Attraktion eine große Gruppe Seepferdchen. Gestaltet waren die Becken mit Wasserpflanzen und Dekoration entsprechend ihres natürlichen Lebensraumes. Wahrzeichen des Seeaquariums war ein von Anton Skell geklempnertes Seepferdchen, was sich an einem Ausleger an der Fasade über dem Eingang befand. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges erschwerten die politischen Bedingungen den Kontakt zu anderen Staaten und somit auch die Beschaffung von Tieren und Futter. Anton Skell verstarb am 28. Juni 1915. Seine Söhne mussten nach ihrer Einberufung das Seeaquarium 1916 schließen. Erhalten blieben lediglich einige Spirituspräparate und der Seepferdchen-Ausleger, der an eine Villa an der Stübelallee verbracht wurde. Wie auch diese Villa fiel Anton Skells Wohnhaus mit dem ehemaligen Seeaquarium 1945 dem Luftangriff zum Opfer.

Nr. 41: In diesem Haus hatte bis zu seinem Tod 1944 der Bildhauer und Maler Franz Weschke (1883-1944) sein Atelier. Weschke studierte von 1907 bis 1911 an der Dresdner Kunstakademie und war ein Meisterschüler Georg Wrbas und des Malers Richard Müller. Ab 1913 arbeitete er als freischaffender Bildhauer, Von ihm stammen die Figurengruppen "Kind mit Delphin" im Fichtepark (1920) und "Siegfrieds Tod" in den Anlagen der Bürgerwiese (1936).

Nr. 47 (Albina): Im Eckhaus zur Johann-Georgen-Allee (Lingnerallee) hatte um 1911 die Gesellschaft "Albina" ihren Sitz. Die Albina war 1828 als "Herrengesellschaft der gebildeten Stände" gegründet worden und widmete sich der Pflege von Kunst und Literatur. Dabei traf man sich zum geselligen Beisammensein und veranstaltete Lesungen, wissenschaftliche Vorträge und Konzerte. Mitglieder waren meist höhere Beamte, Gelehrte, Künstler und Unternehmer, u.a. Carl Gustav Carus, Johann Ludwig Choulant, Friedrich Kind, Johann Gottlob von Quandt, Ernst Rietschel, Gottfried Semper und Ludwig Tieck. Das Gesellschaftslokal befand sich zunächst auf der Seestraße 2, später auf der Zinzendorfstraße 47.

Nr. 49: In diesem Haus, in dem sich um 1911 auch ein Institut für Massage, Heilgymnastik und Orthopädie befand, wohnte viele Jahre der Zeichner und Dekorationsmaler Max Rade (1840-1917). Nach seiner Ausbildung beim Semper-Schüler Wiedemann arbeitete Rade ab 1859 als Zeichner für eine Dresdner Leuchterfabrik. Nach einem längeren Paris-Aufenthalt war er ab 1875 einer der ersten Lehrer der Kunstgewerbeschule und wurde dort 1880 zum Professor berufen. Bekannt wurde er durch seine zahlreichen Jugendstil-Entwürfe für sächsische Unternehmen.


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